Von Michaela Koller
KAIRO, 8. März 2010 (ZENIT.org).- Der Klang der Hupen aus den Straßen Kairos dringt zum Kirchraum durch, mal kurz und schrill, mal lang und dröhnend. Mitten im zentralen Stadtteil Bab-el-Louk hat die katholische deutschsprachige Gemeinde in der Sankt-Markus-Kirche der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Karl Borromäus eine Heimat gefunden, ganz in der Nähe des größten Platzes der 17-Millionen-Metropole, des Midan Tahrir. Der Verkehrslärm dringt zu der versammelten Gemeinde wie aus einer anderen Welt durch, zu einer Insel der Andacht hinter hohen Scheiben aus blauem Glas.
An diesem Sonntag ist jede Bankreihe der Kapelle besetzt: Eine Pilgergruppe in Begleitung des Münsteraner Altbischofs Reinhard Lettmann besucht Ägypten als Heiliges Land, wo einst die Heilige Familie Zuflucht fand. Prälat Joachim Schroedel begrüßt die Reisenden: "Ägypten war das erste christianisierte Land. Heute sind neunzig Prozent Muslime, die eigentlich gegenüber Christen sehr aufgeschlossen sind, auch wenn einzelne Gewalttaten ein anderes Bild vermitteln", gibt der Geistliche den Gläubigen mit auf den Weg.
Um sich auf die Seite der Christen in der Minderheit zu stellen, empfiehlt er den Glaubensgeschwistern aus dem Westen sich wieder auf ihre Wurzeln zu besinnen. Kopten fragten ihn zuweilen: "Geben die in Europa nur Geld oder beten die auch für uns." Als christlicher "Abuna", was soviel heißt wie "unser Vater", im Orient eine übliche Bezeichnung für einen Geistlichen, ist er auch weithin sichtbar an seiner Soutane zu erkennen.. "Die Menschen hier begegnen Priestern respektvoller als bei uns", sagte der Priester mit leichter Mainzer Dialektfärbung.
Schroedel wohnt mitten unter muslimischen Ägyptern in einem Dorf zwischen den Pyramiden von Gizeh und den Pyramiden von Sakkara. Mit den einfachen Bauern spricht er dort Arabisch. Wegen des Mangels an Bildung seien in Ägypten jedoch viele "für Hetze empfänglich", räumt Schroedel ein. Jeder zweite Mann und mehr als die Hälfte der Frauen sind nicht des Lesens oder Schreibens mächtig, eine Erklärung dafür, dass sich mündliche tradierte Vorurteile und Verschwörungstheorien hartnäckig halten können.
Oft geraten einheimische Christen auch zwischen die Mühlen, ohne dass dies wirklich etwas mit ihrem Christuszeugnis zu tun hat: In diesem Winter wurden 200.000 Schweine getِötet, die nur Christen als Lebensgrundlage dienten und die riesigen Speiseabfälle der Megametropole Kairo verzehrten. Für jeden Muslim gelten sie als unrein. Eher gibt es schon einmal verbotenen Alkohol, etwa einen Whisky zum Aperitif, als ein Stück Schinken oder Schweinswürstel zum Essen. Die Angst jedoch vor der Schweinegrippe in Ägypten war geradezu panisch. "Vier, fünf Wochen gab es deswegen es schulfrei", erinnert sich Schroedel. Im Westen jedoch wurde die Nachricht von der massenhaft Tötung der Tieres als Racheakt an den Christen interpretiert.
Zu gewaltsamen Zwischenfällen, wie Anfang des Jahres in Nag Hammadi, wo sieben Menschen bei einem Anschlag nach dem Weihnachtsgottesdienst gerettet wurden, kommt noch ein Problem: Bei allem Respekt vor der anderen Religionsgemeinschaft ist der Wechsel des Bekenntnisses für Muslime im Land am Nil nicht vorgesehen. "In Ägypten gilt: Einmal Muslim - immer Muslim", bestätigt Schroedel. Glaubensgespräche gibt es bei ihm nicht ohne Beipackzettel über die rechtlichen und gesellschaftlichen Risiken und Nebenwirkungen einer Konversion. Trotzdem: Das Interesse am Glauben der anderen ist unter Muslimen verbreitet. "Die Ägypter sind überzeugt: Der Mensch ist von Natur aus religiös."
Mit zwei einfachen Hausangestellten habe sich vor kurzem ein Gespräch über den Glauben ergeben. Es ging um die Frage der göttlichen Natur Jesu. "Sie kamen gleich wieder auf den biologischen Aspekt. Gott zeugt nicht, heißt es bei den Muslimen", erinnert sich der Prälat. Er habe mit Jesu Worten geantwortet, der sagte (Johannes 14,9). "Wer mich sieht, der sieht den Vater." Darauf haben ihm die zwei Muslime entgegnet: "Für uns ist Gott der ganz Verborgene, der immer andere." Ein Dialog über Dogmatik und Gottesbilder am Treppenabsatz.
Was der Prälat über den Islam und die ägyptische Kultur lernt, gibt er an Deutschsprachige an seinem Wirkungsort weiter. "Wir möchten auch eine Brücke sein", sagt Schroedel. Zunächst im Rahmen des "Ökumenischen Instituts Kairo", das er 1997 gegründet hat. Alle paar Wochen bringt es durch Vorträge und Diskussionsabende katholische, evangelische und orientalische Christen sowie Muslime zusammen, "auch durch Stadtführungen, wie zum Beispiel zu den Zabbalin", betont er. Die Zabbalin sind die Christen, die den Müll Kairos trennen und bis zu diesem Winter von der Schweinezucht lebten. ـUeber die deutsch-arabische Industrie- und Handelskammer bietet der Prälat auch Kulturseminare an, um Managern geistige Realitäten und Gepflogenheiten des Landes nahe zu bringen.
Für Deutsche, Schweizer und Österreicher, die frisch in Kairo zu seiner Gemeinde gestoßen sind, ist diese der ruhende Pol, wo sie mit ihren Ängsten, Zweifeln und dem Kulturschock ankommen, innehalten und um Rat fragen können. "Ich rate ihnen, sich herausfordern zu lassen", erzählt Schroedel. Sie kommen zu ihrem Pfarrer entweder in die Sankt-Markus-Kirche oder zur Kirche der Heiligen Familie nach Maadi, einem vornehmeren Stadtteil, wo viele Ausländer leben. Oder sind Gäste eines der Hausgottesdienste, die Schroedel häufig feiert, da die Distanzen in Kairo mit seinen Trabantenstädten oft nur durch stundenlange Fahrten durch Stau und Abgasluft zu überwinden sind.
Vier Gruppen gebe es unter den rund 1700 katholischen Gläubigen deutscher Sprache in der ägyptischen Hauptstadt sowie in Alexandria am Mittelmeer: Ehefrauen und Witwen von Ägyptern, Lehrer und Dozenten der deutschen Lehranstalten, Wirtschaftsvertreter und Diplomaten. In Hurghada am Roten Meer, wo Schroedel alle sechs Wochen hinreist, ist Pastoral für die Touristen gefragt. "Im Urlaub haben die Menschen Zeit und sind religiöِs ansprechbar. Ein eigener Touristenseelsorger hätte dort alle Hände voll zu tun." Zudem überwintert dort eine stattliche Zahl Deutscher im Ruhestand.
Wie bei den Managern sieht der Geistliche auch bei den Urlaubern massiv Bedarf, sich auf die islamische Kultur in Ägypten vorzubereiten. "Es ist hier völlig selbstverständlich, sich durch die Religion zu definieren", warnt Schroedel die Ägyptenreisenden. Indem sie diese Erkenntnis vermittele, zeige die Kirche ihre Expertise. "Und das macht sie auch wieder attraktiver", sagt er. Und nach einer Zeit des Aufenthaltes zeige sich vielfach: "Durch die Herausforderung des Islam kehren viele zu ihren christlichen Quellen zurück." Und so bleibt die Gemeinde auch weiterhin eine Insel für die Katholiken deutscher Sprache im Land des Nils.
















