ZG10030903 - 09.03.2010
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Metaphysik bietet Lebenshilfe


Die Würde des Menschen entsteht aus seiner Sonderstellung im Kosmos - Ein Sammelband vereinigt aktuelle Perspektiven der philosophischen Königsdisziplin


Von Manfred Balkenohl

WÜRZBURG, 9. März 2010  (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Hat die Metaphysik, die noch für Kant als „die Königin aller Wissenschaften" galt, ihren unverzichtbaren Wert oder ihren vorzüglichen Ort in der weltweit globalisierten Wissenschaftslandschaft eingebüßt? Kann man heutzutage die seit Sokrates metaphysisch fundierte griechisch-römische oder die christlich-scholastische, personale recta ratio beibehalten, worauf der Glanz unserer abendländischen Kultur und damit auch der splendor der Weltkultur aufgebaut worden ist? Und ist eine Rückkehr zur Metaphysik angesichts des wesenhaften Zeitgeistes der Moderne, dem alles immanent sein will, überhaupt möglich?

In diese Fragenkreise hinein begeben sich eine ganze Reihe von prominenten Wissenschaftlern, die aus philosophischer, kulturwissenschaftlicher, juristischer, soziologischer und vor allem aus theologischer Perspektive nach Antworten suchen und solche finden.

„In den westlichen und ehemaligen sozialistischen Ländern hat sich nach dem Krieg im Bereich der Sozialwissenschaften eine eher naturalistische Sichtweise durchgesetzt"



In die Mitte der theologischen und philosophischen Thematik führt Tadeusz Guz, Dekan an der Katholischen Universität Lublin „Johannes Paul II." mit seinem Beitrag „Die Liebe zum göttlichen und endlichen Logos - Wesen und Ziel der Wissenschaft." Er sieht in der Verständnisgeschichte des im Alten Testament angekündigten und im Neuen Testament geoffenbarten göttlichen Logos als der ewigen Wahrheit und zugleich der ewigen Liebe die eigentliche Bedeutung für unsere Wissenschaft. Guz zitiert ein dichterisches Wort von Karol Wojtyla, in dem seine Intention aufleuchtet: „Der allmächtige Bildhauer! Des Wortes Anfang/ Der wunderbarste in strahlender Kraft -/ Und das Wort des Vaters ist das Geliebtsein,/ das höchste Wunder der allmächtigen Augen,/ und das dauerhafte Sich-Erkennen,/ das Licht der Liebe - das goldene Dia./ Das Wort ist Fleisch geworden - Verwirklichtsein,/ der paradiesischen Verheißungen irdischer Same."

In seinem Beitrag „Zur traditionellen Metaphysik als Grundlage der Theologie" geht Horst Seidl, Lateran-Universität Rom, vom alttestamentlich geoffenbarten Gottesnamen „Jahwe" aus: Exodus 3,14 berichtet, dass Gott, der Moses aus dem brennenden Dornbusch (durch einen Engel) aussendet, von sich als dem „Gott der Väter, dem Gott Abrahams, dem Gott Isaaks und dem Gott Jakobs" spricht. Von Moses nach seinem Namen befragt, antwortet Gott: „Ich bin derjenige, der ich bin" oder „der ist". Auch die Übersetzung „Ich bin der Seiende" schließt eine metaphysische Bedeutung ein. Die „Ich-bin" Aussagen Jesu Christi im Neuen Testament fußen unmittelbar auf der genannten Exodus-Stelle. Diese Elohistische Tradition steht in Verbindung mit vielen anderen Stellen im Neuen Testament, etwa mit dem Benedictus des Zacharias: „Gelobt sei der Herr, unser Gott". Als besonders wichtig zeigt Seidl die metaphysische Grundlage für die Lehre von der heiligen Trinität Gottes auf, die bereits von Augustinus in in seiner Schrift „De Trinitate" gegenüber heidnischen Philosophen verteidigt worden ist.

Hier wäre auch der Ort, auf die Verbindung von Metaphysik und moderner Anthropologie hinzuweisen, die von Johannes Paul II. dargelegt worden ist, nämlich der Familie als Spiegelbild der göttlichen Trinität. Der Person-Begriff auf metaphysischer Grundlage rundet die „Metaphysik" von Horst Seidl ab. Ebenfalls vom alttestamentlichen Gottesnamen „Ich bin, der ich bin" ausgehend, stellt Erik M. Mørstad, Oslo, den Bruch Luthers mit der biblisch-kirchlichen Metaphysik dar. Er legt in Kurzform präzise und einleuchtend eine Kurzform der christlichen Metaphysik vor. Mørstad legt die biblisch-kirchliche Grundlage der Metaphysik aus dem Alten Testament, aus dem neuen Testament und der alten Kirche dar. Sein Beitrag lautet „Luther und Metaphysik".

Einen ebenfalls sehr kritischen Beitrag liefert Heinz-Georg Kuttner (Weilheim). In „Die Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft in Abgrenzung zur Soziologie als Gesetzeswissenschaft" geht es Kuttner um eine „Analyse des Welt- und Menschenbildes der modernen Human- und Sozialwissenschaften". Er zeigt, dass sowohl in den westlichen Ländern als auch in den ehemaligen sozialistischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg im Bereich der Sozialwissenschaften entweder implizit oder explizit eine naturalistische beziehungsweise materialistische Sichtweise sich durchgesetzt hat, die das Weltbild des Menschen geprägt hat. Er sieht das Dilemma der Sozialwissenschaften, diese als eine neue Form der Gnosis begreifend, insofern alle typischen topoi der Gnosis wieder auftauchen und einen Säkularismus hervorbringen, der nichts anderes als das Wiedererwachen der Gnosis nach dem Christentum ist und mit dem „Immanentismus" oder Naturalismus zusammenfällt.

„Die metaphysische Betrachtungsweise ist die Voraussetzung für eine nüchterne Behandlung der Wirklichkeit, bietet somit Schutz vor Ideologie"

Die Verneinung der Metaphysik steht im Zusammenhang mit der „Diktatur des Relativismus". Kuttner weist aus dem relativistischen Denken hinaus und sieht jenseits von Nihilismus und Skeptizismus die Sozial- und Humanwissenschaften in der Metaphysik verankert. Ein umfangreicher und zugleich wegweisender Beitrag.

Einen ganz anderen Zugang zur metaphysischen Betrachtung findet Joseph Schumacher (Universität Freiburg im Breisgau), der eines der umstrittensten Themen unserer Zeit einer metaphysischen und zugleich ethischen Wertung unterzieht: „Organspende und Organtransplantation. Ihre Wertung im Licht der christlichen Ethik". Problematisch wird die Organtransplantation nämlich „im Blick auf den Zeitpunkt, zu dem man einem Menschen ein Organ entnimmt, um es einem anderen einzupflanzen". Es ist längst bekannt geworden, dass ein totes Organ nicht transplantiert werden kann und es ist evident, dass man von einem toten Menschen keine lebenden Organe erhalten kann. Also hat man es für opportun gehalten, die Toterklärung eines Menschen vorzuverlegen, also den Begriff „Hirntod" einzuführen, der nach alter Definition „irreversibles Koma" gewesen ist. Wenn einem Hirntoten, also einem Sterbenden, ein lebenswichtiges Organ entnommen wird, wird in jedem Fall dessen natürliches Sterben vereitelt.

Es handelt sich also hiernach um eine Form von Euthanasie, worauf Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Evangelium vitae bereits hingewiesen hatte. Er spricht unverblümt von der Versuchung zur Euthanasie im Umfeld der Organtransplantation, worauf Schumacher hinweist. Im Zusammenhang damit, „Organe für Transplantationen zu gewinnen" spricht der Papst nämlich von „Euthanasie", das heißt, „sich zum Herrn über den Tod zu machen, indem man ihn vorzeitig herbeiführt".

Schumacher kommt zu dem Ergebnis: „Nüchtern betrachtet sind Hirntote Sterbende, nicht Gestorbene. Sie befinden sich im Prozess des Sterbens, in den man nicht aktiv eingreifen darf, den man nicht definitiv zu Ende führen darf. Angesichts der Würde des Menschen und angesichts der allgemeinen Menschenrechte, die sich aus der Sonderstellung des Menschen im Kosmos ergeben." Wenn einem „Hirntoten" dessen „natürliches Sterben vereitelt" wird, dann handelt es sich ohne Zweifel um einen Vorgang von metaphysischem Rang. „Euthanasie (ist) eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes", sagt Johannes Paul II. in der genannten Enzyklika.

Diese Sicht hat Schumacher vor Augen, wenn er postuliert, „dass man sich hinsichtlich des Zeitpunktes des Todes an phänomenologischen Kriterien orientiert, dass man den Zeitpunkt des Todes an dem äußeren Erscheinungsbild des menschlichen Körpers festmacht". Und „der Mensch darf nicht alles, was er kann. Sein Handeln wird begrenzt durch das Ethos".

Dass aus diesem Sammelwerk nur einige Punkte herausgegriffen werden konnten, versteht sich von selbst. So unterschiedlich die einzelnen Beiträge auch sind, sie zeigen allesamt das eigentliche Anliegen einer metaphysischen Sicht, nämlich hervorscheinen zu lassen, dass - gemäß dem Wort meta - also inmitten der sichtbaren Welt, dazwischen, außerdem, ja darüber hinaus, eine Wirklichkeit vorhanden ist, die es zu erschließen gilt. Der Mensch ist das Wesen, welches diese Brücke schlagen kann, ja er ist aus seinem innersten Wesen heraus diese Brücke selbst.

Die metaphysische Betrachtungsweise ist die Voraussetzung für eine nüchterne Behandlung der Wirklichkeit, bietet somit Schutz vor Ideologie, bietet Orientierung und ist eine Art Lebenshilfe. Tadeusz Guz und seinen Mitarbeitern ist zu danken.

[© Die tagespost vom 6.3.2010 - Tadeusz Guz/Elzbiata Szczurko/Leszek Brusniak (Hrsg.): Metaphysik heute. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2009, 647 Seiten, EUR 98,-]

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