KAIRO, 10. März 2010 (ZENIT.org).-Schwester Agapie Asaad aus Beni Suef, einer Stadt am südlichen Rand des ägyptischen Nildeltas, ist koptisch-orthodox und gehört damit zur größten christlichen Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten. Die Kopten, deren Name etymologisch verwandt ist mit dem griechischen Wort Aigyptioi, sehen sich als Nachfahren der alten Ägypter. Ihre Kirche wird auch als Mutterkirche der Märtyrer bezeichnet.
„Das Leiden dauert immer noch an. Wir sind aber darüber glücklich, dass wir von unseren Kirchenvätern gelernt haben, das Leiden mit Freude anzunehmen, nicht mit Bitterkeit. Vielleicht hat unserer Kirche geholfen zu überleben", sagt sie. Schwester Agapie gehört dem Orden Dair Banat Mariam an, der arabische Name für „Haus der Töchter Marien", der 1964 vom koptisch-orthodoxen Metropoliten Athanasios in Beni Suef gegründet wurde.
Das Leben im Konvent gestaltet sich teils kontemplativ, teils aktiv im Dienst am Nächsten. Die Schwestern unterhalten Schulen, Krankenhäuser und kleinere medizinische Einrichtungen, setzen sich für die zahlreichen Armen unter den Christen ein, die in der Hauptstadt Kairo von der Mülltrennung und -Recycling leben. Sie widmen sich Waisen und Straßenkindern ebenso wie Alten und Pflegebedürftigen. In ihren unterschiedlichen Wirkungsbereichen arbeiten sie eng mit einheimischen Nichtregierungsorganisationen zusammen. Sie erhalten dafür Unterstützung von europäischen Organisationen, wie etwa von Christian Solidarity International (CSI). Michaela Koller sprach mit Schwester Agapie über die karitative Arbeit und Schwerpunkte ihres Wirkens.
ZENIT: Von orthodoxen sowie von orientalischen Kirchen hören wir wenig bis gar nichts über karitative Aktivitäten. Offenbar ist dies in der koptisch-orthodoxen Kirche wohl anders....--Schwester Agapie: Wir haben dies von den Missionaren angenommen, die hier ins Land kamen. Wir Ägypter sind sehr clever [lacht]. Wir wollten nicht, dass der Kolonialismus sich fortsetzt. Wir sind eine der ältesten Kirchen der Welt, die auf den Evangelisten Markus zurückgeht. Aber wir haben das Beste daraus gemacht, in dem wir die Fremdsprachen lernten und wie die Missionare soziale Dienste aufbauten. Deren soziale Arbeit, seien es Deutsche, Franzosen oder Amerikaner, wird derzeit noch fortgesetzt und gehört zu den besten Initiativen in diesem Land, ob an Krankenhäusern, in Sozialdiensten oder Schulen. Ich selbst habe als Kind eine amerikanische Schule besucht, und alle meine Lehrer waren Amerikaner.
ZENIT: Bitte geben Sie uns doch einen Überblick über Ihre Projekte.
--Schwester Agapie: Wir haben große Augen und offene Ohren, um mitzubekommen, was in der Gesellschaft vor sich geht. Schließlich merkten wir, dass wir ein ganzes Bündel an Aktivitäten verfolgen: Bibelstudien, Entwicklungsarbeit, Gesundheitsvorsorge, Bildung, um nur einiges zu nennen.
ZENIT: Was machen Sie denn in dem wichtigen Bereich der Bildung?
--Schwester Agapie: Meine Kongregation, die Töchter Sankt Mariens, haben zum Beispiel Schulen. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurden koptische Schulen für Mädchen eingeführt, die heute zu den besten des Landes zählen. Wir waren schon zivilisiert, bevor die Missionare kamen. Unsere Schulen werden von Angehörigen aller Glaubensgemeinschaften und aller sozialen Schichten besucht. Die Erfolgsquote ist hoch, da es sich um Privatschulen handelt, für die bezahlt werden muss. Für Bedürftige gibt es eine Art Stipendium, für das wir Spenden sammeln. Wir lehren die Empfänger, sich in der Zukunft sich für andere Bedürftige zu engagieren.
ZENIT: Können Sie noch ein weiteres Beispiel nennen?
--Schwester Agapie: Ein anderes Beispiel ist der Familienbereich, in dem wir eine der schwierigsten und schädlichsten Traditionen angehen.
ZENIT: Worum geht es da?
--Schwester Agapie: Es geht um die Bekämpfung der weiblichen Genitalverstümmelung. Unter dem Dach der NGO "Care for Girls" (Sorge um Mädchen) der Koptin Hedy Banoub und ihres Mannes Maurice Assad können wir die schädlichen Traditionen bekämpfen. Wir können da Bücher veröffentlichen. Es gibt eine ganze Serie von Büchern, eines darunter trägt den Titel "Deine Gesundheit mein Mädchen", in dem wir über die unmittelbaren und langfristigen Gefahren der Genitalverstümmelung aufmerksam machen. Die Veröffentlichungen sind Grundlage für verschiedene Vermittlungsmethoden wie Illustrationen, Gedichte, Lieder und Theaterstücke.
ZENIT: Stehen die Praktiken in irgendeiner Verbindung zur jeweiligen Religion?
--Schwester Agapie: Im Allgemeinen praktizieren sie Muslime wie auch Christen. Aber um ehrlich zu sein, sage ich Ihnen, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich die Leute in den mehrheitlich christlichen Dörfern mehr über die Abschaffung dieser Praktiken freuen. Ich habe da einfach bessere Ergebnisse. Es gibt keine Untersuchung darüber, möglicherweise ergäbe sich daraus etwas anderes. Es bereitet den Mädchen wirklich Schmerzen, und das wird nun doch begriffen. Deshalb freue ich mich über das Erlebnis gestern. Ich war in zwei Dörfern, und in einem davon leben vielleicht 80 Prozent Muslime. Alle Mädchen, die sich da gegen die weibliche Genitalverstümmelung ausgesprochen haben, waren muslimisch.
ZENIT: Wie viele Mädchen trifft das?
--Schwester Agapie: Mit all unseren Aktivitäten und all unserer Aufklärungsarbeit betrifft es trotzdem noch mehr als 90 Prozent der 8- bis 14-Jährigen.
ZENIT: Wie sehen Sie die Situation der Frauen heutzutage in Ägypten?
--Schwester Agapie: Es stehen den Frauen alle Bildungsmöglichkeiten offen, sie können immerhin fast alle Positionen erlangen und haben alle Freiheit, anders als wohl in Europa. Wenn die Frauen sich dafür entscheiden zu Hause zu bleiben, dann haben sie dort das Sagen.
ZENIT: Was meinen Sie denn damit, das es anders als in Europa sei?
--Schwester Agapie: Ich meine das persönlich wegen des Feminismus, von dem ich bei ökumenischen Begegnungen erfahren habe. Da waren Frauen darunter, die für das Frauenpriestertum eingetreten sind. Das wollte ich nie werden, das ist nicht mein Problem. In meiner Kirche sehe ich genügend andere Positionen für die Frauen.
ZENIT: Wir erfahren nicht oft in Europa, wie unsere Debatten von außen gesehen werden. Eine Möglichkeit hierzu besteht im interreligiösen Dialog. Was bringt dieser aus Ihrer Sicht?
--Schwester Agapie: Oftmals ist er nicht authentisch. Wenn wir auf Dogmatik und Theologie zu sprechen kommen, dann ist da ein Blockade. Solche Begegnungen führen zu nichts. Aber interreligiöser Dialog in dem Sinne, sich über gemeinsame Ziele auszutauschen, Solidarität aufrecht zu erhalten, sowie Versöhnung, Verständigung, Respekt vor Menschenrechten, speziell Frauenrechten und Kinderrechten zu stärken, und dabei nicht vom anderen den Übertritt zur eigenen Religion vorauszusetzen, das wäre ein gesunder Dialog. Es gibt eine Menge Dinge, die wir gemeinsam in Angriff nehmen können.
ZENIT: Belastet wird dieser Dialog jedoch wiederholt durch Anschläge wie jener zum koptischen Weihnachtsfest in Nag Hammadi....
--Schwester Agapie: Wenn die Leute ausgebrannt sind und ohne Job dastehen, dann überlassen sie sich ganz der Religion. Sie gehen zur Moschee und hören den Islamgelehrten zu. Einige von denen sind christenfeindlich, andere wiederum nicht. Und, um ehrlich zu sein, findet sich für beide Ausrichtungen etwas im Koran. Diese Gewalt, die wir jetzt sehen, war in der ägyptischen Gesellschaft nicht üblich, in der gesamten Geschichte dieser Zivilisation nicht.
















