Von Michaela Koller
KAIRO, 11. März 2010 (ZENIT.org).- Schuldirektor Moody Fayek Shehata, ägyptischer Christ, ist über die Nachgiebigkeit der Politik gegenüber Fanatikern verärgert. "Ich musste meine Regierung noch nie so kritisieren", sagt er in einem Gespräch mit ZENIT. Stein des Anstoßes ist die Entscheidung, im vorigen Jahr 200.000 Schweine wegen der Schweinegrippegefahr zu töten, ein Schritt, der inzwischen sogar innerhalb der politischen Elite umstrittenen ist. Die Viehzucht brachte den Müllmenschen von Kairo, den Zabbalin, mehr als doppelt soviel Gehalt im Monat als jetzt ein.
Ihre Vorfahren sind überwiegend aus Mittelägypten in die Megametropole zugewanderte Kopten, die die Schweinezucht bis zum vorigen Jahr mit dem Sammeln und Verwerten von Müll verbunden haben. Jetzt bleiben ihnen fast nur noch die Abfälle. In Kairos Stadtteil Moytamadeia, einem Armenviertel, gleich hinter dem schicken Geschäftsviertel Mohandessin, trennen sie diese, ohne Schutzkleidung, meist nur mit Schlappen an den Füßen, mitten im Abfallhaufen voll Glasscherben und Krankheitserregern stehend.
Auf einer Schutthalde zwischen Backsteinrohbauten türmen sich Weißblechdosen, die unter der bereits sommerlichen Hitze einen lehmig-schimmligen Geruch verbreiten. Auf einem benachbarten Areal stapfen Ziegen und Gänse durch vergammelte Speiseabfälle. Die für Anfang März allzu sommerlich heiße Luft ist von einem säuerlich-beißendem Geruch erfüllt. Rostige Transporter und Eselskarren, die immer mehr Abfälle heran fahren, wechseln sich ab. Die Schweine, die davon fressen sollten, fehlen."Viele haben mich gefragt, ob sie das Schulgeld in Raten zahlen können", berichtet Direktor Shehata. Und dabei sind die Gebühren für 420 überwiegend koptischen Schülerinnen und Schüler an der El Salam Privatschule ohnehin schon niedrig, Die größtenteils von deutschen Sponsoren geförderte Einrichtung ist die einzige Möglichkeit im Umkreis für Zabbalin-Kinder, zwischen Vorschule und Hauptschulabschluss zu lernen, Lesen, Schreiben, Rechnen etwa und auch von Anfang an Englisch.
Insgesamt leben im Einzugsgebíet 3.000 bis 4.000 Zabbalin, von denen im Umkreis der Hauptstadt rund 50.000 leben. Einst verrichteten muslimische Oasenbewohner ihre Aufgabe, sammelten organische Abfälle und verkauften diese als Brennmaterial an die Badehäuser. Als diese aber ihre Energieversorgung umstellten, verkauften die Müllhändler den Müll an Schweine züchtende Christen, die im Laufe der Jahrzehnte auch ein ausgeklügeltes System der Verwertung anderer Rohstoffe entwickelt.
Die Recyclingquote soll sogar über der deutschen Rate liegen. Seit die Schweine fehlen, quillt der organische Abfall der 17-Millionen-Metropole über. Die Tiere wurden lebendig begraben, erstickten qualvoll, und die ökologischen Folgen waren nicht einmal durchdacht. Und die sozialen Auswirkungen, so meint Moody Fayek Shehata, wurden letztlich in Kauf genommen. Anhängern fanatischer Muslimgruppen war die Schweinezucht schon lange ein Dorn im Auge. Die Tiere gelten im Islam als unrein, ihr Verzehr ist Muslimen verboten. "Sauberkeit ist oberstes Gebot", steht als Graffiti auf manchen Hauswänden, eine Anspielung.
"Der Fanatismus nimmt zu", sagt er. Der evangelische Christ sah sich selbst zwar nie einer Benachteiligung ausgesetzt. Die Hauptstadt Kairo, in deren Einzugsgebiet er lebt, ist eine multikulturelle Metropole. Insgesamt sei er auch froh darüber, dass der islamische Terrorismus auf Einzelfälle beschränkt bleibe. Jedoch sei die Situation für Christen in den ländlichen Gebieten Mittel- und Oberägyptens schwierig. "Einige Dörfer dort haben nicht einmal eine Kirche, obwohl viele Christen dort leben". Das mag, neben der Arbeitslosigkeit in den südlicheren Gegenden, Grund für die Abwanderung der Kopten dort sein, die es seit vielen Jahrzehnten in die Hauptstadt drängt. Dort haben viele von ihnen ein Auskommen als Müllmenschen gefunden. Aber seit der Massentötung der Schweine ist auch dies in Gefahr.
















