ZG10032202 - 22.03.2010
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Papst: den Maßstäben, die wir an andere anlegen, auch selbst gerecht werden


Ansprache beim Angelusgebet am 5. Fastensonntag


ROM, 22. März 2010 (ZENIT.org).- "Die Szene ist von Dramatik erfüllt: Von den Worten Jesu hängt das Leben jener Person, aber auch sein eigenes Leben ab. Die scheinheiligen Ankläger tun schließlich so, als würden sie ihm das Urteil überlassen, während sie in Wirklichkeit gerade Ihn anklagen und richten wollen. Jesus hingegen ist „voll Gnade und Wahrheit" (Joh 1,14): Er weiß, was im Herzen eines jeden Menschen ist, er will die Sünde verurteilen, den Sünder aber retten und die Heuchelei bloßlegen", sagte der Papst am Sonntag beim Gebet des Angelus auf dem Petzersplatz. Wir veröffentlichen seine Erläuterung zum Evangelium am 5. Fastensonntag.

* * *

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir sind beim fünften Fastensonntag angelangt, an dem uns die Liturgie dieses Jahres in der Episode aus dem Evangelium vor Jesus stellt, der eine Ehebrecherin vor der Verurteilung zum Tod rettet (Joh 8,1-11). Während Jesus im Tempel lehrt, bringen die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau zu ihm, die beim Ehebruch ertappt worden war, wofür das Gesetz des Moses die Steinigung vorschrieb. Jene Männer fordern Jesus dazu auf, über die Sünderin zu urteilen, dies mit dem Ziel, „ihn auf die Probe zu stellen" und dazu zu führen, einen falschen Schritt zu tun.

Die Szene ist von Dramatik erfüllt: Von den Worten Jesu hängt das Leben jener Person, aber auch sein eigenes Leben ab. Die scheinheiligen Ankläger tun schließlich so, als würden sie ihm das Urteil überlassen, während sie in Wirklichkeit gerade Ihn anklagen und richten wollen. Jesus hingegen ist „voll Gnade und Wahrheit" (Joh 1,14): Er weiß, was im Herzen eines jeden Menschen ist, er will die Sünde verurteilen, den Sünder aber retten und die Heuchelei bloßlegen. Der heilige Evangelist Johannes betont eine Besonderheit: Während die Ankläger hartnäckig weiterfragen, bückt sich Jesus und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Der hl. Augustinus macht die Beobachtung, dass diese Geste Christus als den göttlichen Gesetzgeber zeigt: Gott nämlich schrieb das Gesetz mit seinem Finger auf die Gesetzestafeln (vgl. Kommentar zum Johannesevangelium, 33,5). Jesus ist also der Gesetzgeber, er ist die Gerechtigkeit in Person. Und was ist sein Urteil? „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie." Diese Worte sind von der entwaffnenden Kraft der Wahrheit erfüllt, die die Mauer der Scheinheiligkeit niederreißt und das Gewissen für eine größere Gerechtigkeit öffnet, die Gerechtigkeit der Liebe, die die Erfüllung jedes Gesetzes ist (vgl. Röm 13, 8-10). Es ist die Gerechtigkeit, die auch Saulus von Tarsus gerettet hat, indem sie ihn in den heiligen Paulus verwandelte (vgl. Phil 3,8-14).

Als die Ankläger „einer nach dem anderen fortgingen, zuerst die Ältesten", führt Jesus die Frau, indem er sie von der Sünde freispricht, in ein neues Leben ein, das am Guten ausgerichtet ist: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh, und sündige von jetzt an nicht mehr". Es handelt sich dabei um dieselbe Gnade, die den Apostel sagen lassen wird: „Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt" (Phil 3,13-14). Gott will für uns nur das Gute und das Leben; er kümmert sich durch seine Diener um die Gesundheit unserer Seele und befreit uns durch das Sakrament der Versöhnung vom Bösen, damit keiner verloren gehe, sondern alle die Möglichkeit haben, umzukehren. In diesem Priesterjahr möchte ich die Hirten ermahnen, den heiligen Pfarrer von Ars im Dienst der sakramentalen Vergebung nachzuahmen, damit die Gläubigen ihre Bedeutung und Schönheit neu entdecken und durch die barmherzige Liebe Gottes geheilt werden, der „so weit geht, freiwillig die Sünde zu vergessen, nur damit er uns vergeben kann" (Schreiben zum Beginn des Priesterjahres).

Liebe Freunde, lernen wir von Jesus, dem Herrn, weder über den Nächsten zu urteilen noch ihn zu verurteilen. Lernen wir, unnachgiebig mit der Sünde zu sein, angefangen bei der unsrigen, und nachsichtig mit den Menschen. Dabei helfe uns die heilige Mutter Gottes, die - selbst ohne Schuld - Mittlerin der Gnade für einen jeden reuigen Sünder ist.

[Die deutschsprachigen Pilger begrüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Ganz herzlich heiße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache willkommen und grüße heute besonders die Wallfahrer aus Mannheim. Gerade in der Fastenzeit führt uns Gottes Wort auf einen Weg der Umkehr und Erneuerung. Im Evangelium dieses Sonntags mahnt Jesus die Pharisäer - und auch uns -, nicht vorschnell andere Menschen zu verurteilen. Prüfen wir uns, ob wir den moralischen Maßstäben, die wir an andere anlegen, auch selbst gerecht werden. Wir können uns nicht selber heilig machen; wir bedürfen zuerst der Reinigung und der barmherzigen Liebe des Herrn, um Christus, den Heiligen, zu empfangen. Gott schenke euch die Gnade einer guten Vorbereitung auf das Osterfest.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana]

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