ZG10040111 - 01.04.2010
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Kreuzweg im Kolosseum 2010


Meditationen und Gebete von Vikar Emeritus für die Diözese Rom, Kardinal Ruini


ROM, 1. April2010 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Texte des Kreuzwegs, dem Benedikt XVI. morgen, am Karfreitag, im römischen Kolosseum vorstehen wird. Die Meditationen und Gebete stammen diesmal vom Vikar Emeritus für die Diözese Rom, Kardinal Camillo Ruini und können online abgerufen werden.

 

***

MEDITATIONEN UND GEBETE VON

Seiner Eminenz
Kardinal
CAMILLO RUINI
Generalvikar Emeritus Seiner Heiligkeit
für die Diözese Rom

EINFÜHRUNG

 

GESANG

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi,
quia per Crucem tuam redemisti mundum.

 

1. Per lignum servi facti sumus, et per sanctam Crucem liberati sumus. R.

2. Fructus arboris seduxit nos, Filius Dei redemit nos. R.

 

BETRACHTUNG

Als der Apostel Philippus ihn bat: „Herr, zeig uns den Vater", antwortete Jesus: „Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt ...? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14, 8-9). Vergessen wir diese Worte nicht, wenn wir heute abend Jesus in Gedanken begleiten, der unter dem Kreuz vorangeht. Auch wenn er das Kreuz trägt, auch wenn er am Kreuz stirbt, ist Jesus der Sohn, der eins ist mit Gott Vater. Wenn wir sein durch Schläge, Anstrengung und inneres Leiden verunstaltetes Antlitz betrachten, sehen wir das Antlitz des Vaters. Ja, gerade in diesem Augenblick wird die Herrlichkeit Gottes, sein für jedes menschliche Auge zu starkes Licht, eher sichtbar auf dem Antlitz Jesu. Hier, in dieser elenden Gestalt, den Pilatus den Juden mit den Worten „Seht, da ist der Mensch!" vorgeführt hat (vgl. Joh 19, 5), in der Hoffnung, sie zum Erbarmen zu bewegen, offenbart sich die wahre Größe Gottes, jene geheimnisvolle Größe, die kein Mensch sich vorstellen konnte.

Doch im gekreuzigten Jesus zeigt sich auch eine andere Größe, unsere Größe, die Größe, die jedem Menschen eigen ist, einfach deswegen, weil er ein menschliches Antlitz und ein menschliches Herz besitzt. Der heilige Antonius von Padua schreibt: „Christus, der dein Leben ist, hängt vor dir, damit du auf das Kreuz wie in einen Spiegel schaust ... Wenn du ihn ansiehst, kannst du gewahr werden, wie groß deine Würde, dein Wert ist ... Nirgendwo anders kann der Mensch sich seines Wertes besser bewußt werden, als wenn er sich im Spiegel des Kreuzes betrachtet" (Sermones Dominicales et Festivi III, pp. 213-214). Ja, Jesus, der Sohn Gottes, ist für dich, für mich, für einen jeden von uns gestorben, und damit hat er uns den konkreten Beweis dafür geliefert, wie groß und kostbar wir in den Augen Gottes sind - den einzigen Augen, die allen Anschein überwinden und die Wirklichkeit der Dinge bis auf ihren Grund durchschauen.

Gehen wir den Kreuzweg mit, und bitten wir Gott, daß er auch uns diesen Blick der Wahrheit und der Liebe gebe, um vereint mit ihm, frei und gut zu werden.

 

Der Heilige Vater:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
R. Amen.

Der Heilige Vater:

Laßt uns beten.

 

Kurzes Schweigen.

 

 

 

ERSTE STATION
Jesus wird zum Tode verurteilt

BETRACHTUNG

Warum wurde Jesus zum Tod verurteilt, er, der „umherzog und Gutes tat" (Apg 10, 38)? Diese Frage wird uns auf dem Kreuzweg begleiten wie sie uns unser ganzes Leben hindurch begleitet.

In den Evangelien finden wir eine wahre Antwort: Die Anführer der Juden wollten seinen Tod, weil sie begriffen haben, daß Jesus von sich als dem Sohn Gottes sprach. Und wir finden auch eine Antwort, die die Juden als Vorwand benutzten, um von Pilatus seine Verurteilung zu erhalten: Jesus habe behauptet, ein König dieser Welt, der König der Juden zu sein.

Aber hinter diesen Antworten tut sich ein Abgrund auf, für den die Evangelien selbst und die ganze Heilige Schrift uns die Augen öffnen: Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Und noch tiefer gesehen, ist er für uns gestorben; er ist gestorben, weil Gott uns liebt - so sehr liebt, daß er seinen eingeborenen Sohn hingegeben hat, damit wir durch ihn das Leben haben (vgl. Joh 3, 16-17).

Auf uns selbst müssen wir also schauen: auf das Böse und die Sünde, die in uns wohnen und von denen wir allzu oft vorgeben, sie nicht zu kennen. Aber mehr noch müssen wir unseren Blick auf Gott richten, der reich an Barmherzigkeit ist und uns Freunde genannt hat (vgl. Joh 15, 15). So wird der Kreuzweg und der ganze Lebensweg ein Weg der Reue, des Schmerzes und der Umkehr, aber auch ein Weg der Dankbarkeit, des Glaubens und der Freude.

 

ZWEITE STATION
Jesus nimmt das Kreuz auf sich

BETRACHTUNG

Nach der Verurteilung kommt die Demütigung. Was die Soldaten Jesus antun, erscheint uns unmenschlich. Aber sicher ist es unmenschlich! Es sind Gesten der Verhöhnung und Verachtung, Ausdruck einer tiefen Grausamkeit, unbekümmert um das auch körperliche Leiden, das ohne Grund einem Menschen zugefügt wird, der ohnehin schon zur entsetzlichen Hinrichtung am Kreuz verurteilt worden ist. Und doch ist dieses Verhalten der Soldaten traurigerweise auch allzu menschlich. Tausend Seiten der Menschheitsgeschichte und der täglichen Nachrichten bestätigen, daß derartige Handlungen dem Menschen keineswegs fremd sind. Der Apostel Paulus hat dieses Paradox klar dargestellt: „Ich weiß, daß in mir, in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt: ... Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will" (Röm 7, 18-19).

Genauso ist es: In unserem Gewissen ist das Licht des Guten entzündet, ein Licht, das in vielen Fällen sichtbar wird und von dem wir uns glücklicherweise in unseren Entscheidungen leiten lassen. Doch oft geschieht das Gegenteil: Dieses Licht wird verdunkelt durch Groll, durch schändliche Begierden, durch Perversion des Herzens. Und dann werden wir grausam, zu Schlimmstem fähig, sogar zu Unvorstellbarem.

Herr Jesus, auch ich bin unter denen, die dich verlacht und geschlagen haben. Denn du hast gesagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (vgl. Mt 25, 40). Jesus, Herr, verzeihe mir!

DRITTE STATION
Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz

BETRACHTUNG

Die Evangelien berichten uns nicht, daß Jesus unter dem Kreuz gefallen sei, doch diese alte Überlieferung ist höchst wahrscheinlich. Erinnern wir uns nur daran, daß Jesus, bevor ihm das Kreuz aufgeladen wurde, auf Befehl von Pilatus gegeißelt worden war. Nach allem, was ihm seit der Nacht am Ölberg zugestoßen war, mußten seine Kräfte praktisch erschöpft sein.

Bevor wir auf die tieferen, inneren Aspekte der Passion Jesu eingehen, wollen wir uns nur des physischen Schmerzes bewußt werden, den er ertragen mußte. Ungeheure, schreckliche Schmerzen, bis zum letzten Atemzug am Kreuz, Schmerzen, die unweigerlich Angst einflößen müssen.

Mit unseren heutigen Techniken und Methoden, mit Anästhesien und den anderen Schmerztherapien ist das physische Leiden am einfachsten zu überwinden oder zumindest zu lindern, auch wenn aus vielen natürlichen oder vom Verhalten des Menschen abhängigen Gründen eine riesige Menge physischer Leiden in der Welt fortbesteht.

Jesus hat sich jedenfalls dem physischen Schmerz nicht verweigert und sich so mit der Menschheitsfamilie solidarisiert, besonders mit jenem Großteil der Menschen, deren Leben auch heute von dieser Form des Schmerzes gezeichnet ist. Während wir Jesus unter dem Kreuz stürzen sehen, erbitten wir von ihm demütig den Mut, die allzu engen Räume unseres Herzens durch eine Solidarität zu weiten, die nicht nur aus Worten besteht.

VIERTE STATION
Jesus begegnet seiner Mutter

BETRACHTUNG

In den Evangelien wird nicht direkt von einer Begegnung Jesu mit seiner Mutter während des Kreuzweges berichtet, aber von der Anwesenheit Marias unter dem Kreuz. Und hier wendet sich Jesus an sie und an den Lieblingsjünger, den Evangelisten Johannes. Jesu Worte haben einen unmittelbaren Sinn: Maria dem Johannes anzuvertrauen, damit er sich um sie kümmere. Und sie haben einen sehr viel umfassenderen und tieferen Sinn: Unter dem Kreuz wird Maria ein zweites Ja abverlangt, nach dem Ja der Verkündigung, mit dem sie zur Mutter Jesu wurde und so die Tür zu unserem Heil öffnete.

Mit diesem zweiten Ja wird Maria Mutter von uns allen, von jedem Mann und jeder Frau, für die Jesus sein Blut vergossen hat. Eine Mutterschaft, die ein lebendiges Zeichen der Liebe und Barmherzigkeit ist, die Gott für uns hegt. Darum ist das christliche Volk in Liebe und Vertrauen so tief und fest mit Maria verbunden, darum wenden wir uns spontan an sie, vor allem in den schwierigsten Lebenslagen.

Maria jedoch hat diese ihre universale Mutterschaft teuer bezahlt. Wie Simeon im Tempel zu Jerusalem über sie geweissagt hat: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen" (Lk 2, 35).

Maria, Mutter Jesu und unsere Mutter, hilf uns, heute abend und immer in unserer Seele jenes von Liebe erfüllte Leid zu verspüren, das dich mit dem Kreuz deines Sohnes verbunden hat.

FÜNFTE STATION
Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

BETRACHTUNG

Jesus mußte wirklich erschöpft sein, und so finden die Soldaten Abhilfe, indem sie den ersten Unglückseligen, den sie treffen, ergreifen und ihm das Kreuz aufladen. Auch im Alltagsleben bricht das Kreuz unter vielen verschiedenen Formen - von einer Krankheit bis zu einem schweren Unfall, zum Verlust eines geliebten Menschen oder der Arbeit - oft ganz plötzlich über uns herein. Und wir sehen in ihm nur ein Mißgeschick oder in den schlimmsten Fällen ein Unglück.

Jesus aber hat zu seinen Jüngern gesagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Mt 16, 24). Das sind keine einfachen Worte; im Gegenteil, im konkreten Leben sind es die schwierigsten Worte des Evangeliums. Unser ganzes Sein, alles, was in uns ist, lehnt sich gegen solche Worte auf.

Doch Jesus fährt fort und sagt: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen" (Mt 16, 25). Halten wir einen Moment inne bei diesem „um meinetwillen": Darin liegt der ganze Anspruch Jesu, das Bewußtsein, das er von sich selber hatte, und die Forderung, die er an uns richtet. Er steht im Zentrum von allem, er ist der Sohn Gottes, der eins ist mit Gott Vater (vgl. Joh 10, 30), er ist unser einziger Retter (vgl. Apg 4, 12).

Tatsächlich erweist sich das, was anfangs nur als ein Mißgeschick oder ein Unglück erschien, nicht selten später als eine Tür, die sich in unserem Leben geöffnet hat und uns ein größeres Gut eingebracht hat. Doch nicht immer ist es so: Oftmals bleiben in dieser Welt die Unglücksfälle nur ein schmerzlicher Verlust. Dazu hat Jesus uns wiederum etwas zu sagen. Oder besser, es ist etwas mit ihm geschehen: Nach dem Kreuz ist er von den Toten auferstanden, und er ist auferstanden als der Erstgeborene von vielen Brüdern (vgl. Röm 8, 29; 1 Kor 15, 20). Ja, sein Kreuz kann nicht von seiner Auferstehung getrennt werden. Allein im Glauben an die Auferstehung können wir den Kreuzweg sinnvoll gehen.

SECHSTE STATION
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

BETRACHTUNG

Als Veronika das Antlitz Jesu mit einem Tuch abtrocknete, konnte dieses Antlitz sicher nicht anziehend sein: es war ein entstelltes Gesicht. Doch dieses Gesicht konnte einen nicht gleichgültig lassen, dieses Gesicht rüttelte auf. Es konnte Spott und Verachtung provozieren, aber auch Mitleid und sogar Liebe wecken, den Wunsch, zu helfen. Veronika ist das Symbol dieser Gefühle.

So entstellt es auch sein mag, bleibt das Gesicht Jesu doch immer das Antlitz des Sohnes Gottes. Es ist ein von uns entstelltes Gesicht, von der Unmenge menschlicher Niedertracht. Doch es ist auch ein für uns entstelltes Gesicht, das die Liebe und Hingabe Jesu ausdrückt und ein Spiegel der unendlichen Barmherzigkeit Gottes des Vaters ist.

Im leidenden Antlitz Jesu sehen wir außerdem noch eine andere riesige Menge, die der menschlichen Leiden. Und so wird die Geste der Veronika für uns eine Provokation, ein dringender Aufruf: Sie wird zur sanften aber zwingenden Aufforderung, uns nicht abzuwenden, auch selbst auf die zu schauen, die leiden, auf Nahe und Ferne. Und nicht nur zu schauen, sondern zu helfen. Der Kreuzweg dieses Abends wird nicht vergebens gewesen sein, wenn er uns zu konkreten Taten der Liebe und der aktiven Solidarität bewegt.

SIEBTE STATION
Jesus fällt zum zweiten Male unter dem Kreuz

BETRACHTUNG

Jesus fällt erneut unter dem Kreuz. Natürlich war er physisch erschöpft, aber er war auch tödlich verletzt in seinem Herzen. Schwer lag auf ihm die Ablehnung derer, die sich von Anfang an hartnäckig seiner Mission widersetzt hatten. Es bedrückte ihn die Ablehnung, die ihm zuletzt jenes Volk entgegengebracht hatte, das voller Bewunderung und auch Begeisterung für ihn gewesen zu sein schien. Darum hatte Jesus beim Anblick der Heiligen Stadt, die er so sehr liebte, ausgerufen: „Jerusalem, Jerusalem, ... Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt!" (Mt 23, 37). Schrecklich lastete auf ihm der Verrat des Judas, das Verlassenwerden von seinen Jüngern im Moment der äußersten Prüfung, und besonders lastete auf ihm die dreifache Verleugnung durch Petrus.

Wir wissen sehr wohl, daß auch die unzählige Menge unserer Sünden ihn belastete, die Masse der Schuld, welche die Jahrtausende hindurch das menschliche Treiben begleitet.

Darum bitten wir Gott in Demut aber auch voll Vertrauen: Vater, reich an Barmherzigkeit, hilf uns, das Kreuz Jesu nicht noch schwerer zu machen. Denn es ist so, wie Johannes Paul II., der heute vor fünf Jahren gestorben ist, geschrieben hat: „daß das Böse, dessen Urheber und Opfer der Mensch ist, an eine ihm gesetzte Grenze stößt und daß diese Grenze letztendlich die göttliche Barmherzigkeit ist" (Erinnerung und Identität, S. 75).

ACHTE STATION
Jesus begegnet den Frauen von Jerusalem

BETRACHTUNG

Es ist also Jesus, der Mitleid mit den Frauen von Jerusalem und mit uns allen hat. Sogar während er das Kreuz trägt, bleibt Jesus der Mensch, der Mitleid mit der Menge hat (vgl. Mk 8, 2), der vor dem Grab des Lazarus in Weinen ausbricht (vgl. Joh 11, 35), der die Weinenden selig preist, denn sie werden getröstet werden (vgl. Mt 5, 4).

Gerade so erweist sich Jesus als der einzige, der das Herz Gott Vaters wirklich kennt und der es auch uns bekannt machen kann: „Niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will" (Mt 11, 27).

Seit ältesten Zeiten hat sich die Menschheit, häufig mit Angst, gefragt, welches wohl wirklich die Haltung Gottes uns gegenüber sei: vorsehende Fürsorge oder aber souveräne Gleichgültigkeit oder sogar Verachtung und Haß? Auf eine solche Frage können wir mit den alleinigen Möglichkeiten unserer Intelligenz, unserer Erfahrung und sogar unseres Herzens keine sichere Antwort geben.

Darum ist Jesus - sein Leben und sein Wort, sein Kreuz und seine Auferstehung - die weitaus wichtigste Wirklichkeit von allem, was den Menschen betrifft; er ist das Licht, das über unserem Schicksal leuchtet.

NEUNTE STATION
Jesus fällt zum dritten Male unter dem Kreuz

BETRACHTUNG

Das ist der innerste Grund des wiederholten Fallens Jesu: nicht nur die physischen Leiden, nicht allein der menschliche Verrat, sondern der Wille des Vaters. Jener geheimnisvolle und menschlich unbegreifliche aber unendlich gute und großherzige Wille, dem zufolge Jesus sich „für uns zur Sünde gemacht" hat, auf ihn die gesamte Schuld der Menschheit übertragen wurde und sich jener geheimnisvolle Tausch vollzieht, der uns Sünder zur „Gerechtigkeit Gottes" werden läßt.

Während wir versuchen, uns in Jesu Lage zu versetzen, der vorangeht und unter dem Kreuz zu Boden stürzt, ist es nur recht, wenn wir in unserm Innern Reue und Schmerz empfinden. Doch noch stärker muß das Gefühl der Dankbarkeit sein, das unsere Seele überflutet.

Ja, Herr, du hast uns losgekauft, du hast uns befreit, mit deinem Kreuz hast du uns vor Gott gerecht gemacht. Mehr noch: Du hast uns so innig mit dir verbunden, daß du in dir auch uns zu Kindern Gottes, zu seinen Familienangehörigen und Freunden gemacht hast. Danke, Herr, gib, daß die Dankbarkeit dir gegenüber die Dominante unseres Lebens sei.

ZEHNTE STATION
Jesus wird seiner Kleider beraubt

BETRACHTUNG

Jesus wird seiner Kleider beraubt: Wir befinden uns im Schlußakt jenes Dramas, das mit der Verhaftung am Ölberg begann und durch das Jesus nicht nur seine Würde als Sohn Gottes, sondern bereits seine Menschenwürde genommen wurde.

Jesus wird also entblößt dem Blick der Leute von Jerusalem und dem Blick der ganzen Menschheit preisgegeben. In einem tiefen Sinn ist das auch recht so: Er hat sich nämlich völlig seiner selbst entäußert, um sich für uns zu opfern. Darum ist die Handlung, ihn seiner Kleider zu berauben, auch die Erfüllung eines Schriftwortes.

Wenn wir Jesus nackt am Kreuz betrachten, spüren wir in unserm Innern eine dringende Notwendigkeit, ohne Verschleierungen in uns selbst hineinzublicken; uns geistig vor uns selbst zu entblößen, aber noch zuvor Gott gegenüber und auch vor unseren Mitmenschen. Den Anspruch abzulegen, besser zu erscheinen als wir sind, um statt dessen zu versuchen, wahrhaftig und offen zu sein.

Die Haltung, die vielleicht mehr als alles andere die Empörung Jesu hervorrief, war tatsächlich die Heuchelei. Wie oft hat er zu seinen Jüngern gesagt: „Macht es nicht wie die Heuchler" (vgl Mt 6, 2.5.16), oder zu denen, die seine guten Handlungen beanstandeten: „Weh euch, ihr Heuchler!" (vgl. Mt 23, 13.15.23.25.27.29).

Herr Jesus, der du nackt am Kreuz hängst, hilf mir, selber nackt zu sein vor dir.

ELFTE STATION
Jesus wird ans Kreuz genagelt

BETRACHTUNG

Jesus wird ans Kreuz genagelt. Eine entsetzliche Tortur. Und während er am Kreuz hängt, gibt es viele, die ihn verlachen und auch provozieren: „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen ... Er hat auf Gott vertraut: der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er hat doch gesagt: ‚Ich bin Gottes Sohn‘" (Mt 27, 42-43). So wird nicht nur seine Person, sondern auch seine Heilssendung verhöhnt, jene Sendung, die Jesus gerade am Kreuz zur Vollendung führte.

Doch in seinem Innern macht Jesus ein unvergleichlich viel größeres Leiden durch, das ihn in einen Schrei ausbrechen läßt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15, 34). Es handelt sich zwar um die Anfangsworte eines Psalms, der mit der erneuten Bekräftigung des vollen Vertrauens auf Gott schließt. Und doch sind es Worte, die ganz ernst genommen werden müssen, Worte, die die größte Prüfung zum Ausdruck bringen, der Jesus unterworfen wurde.

Wie oft meinen wir angesichts einer Prüfung, Gott habe uns vergessen oder verlassen. Oder wir sind sogar versucht, den Schluß zu ziehen, daß es Gott nicht gibt.

Der Sohn Gottes, der seinen bitteren Kelch bis zum Grund ausgetrunken hat und dann von den Toten auferstanden ist, sagt uns hingegen mit all seinem Sein, mit seinem Leben und seinem Sterben, daß wir auf Gott vertrauen sollen. Ihm können wir glauben.

ZWÖLFTE STATION
Jesus stirbt am Kreuz

BETRACHTUNG

Wenn der Tod nach einer schmerzhaften Krankheit eintritt, sagt man gewöhnlich mit Erleichterung: „Er hat aufgehört zu leiden." In gewissem Sinn gelten diese Worte auch für Jesus. Angesichts des Todes irgend eines beliebigen Menschen und weit mehr angesichts des Todes jenes Menschen, der der Sohn Gottes ist, sind es jedoch zu beschränkte und oberflächliche Worte.

Denn als Jesus stirbt, reißt der Vorhang im Tempel von Jerusalem entzwei, und es geschehen noch andere Zeichen, die den römischen Hauptmann, der als Wache beim Kreuz steht, ausrufen lassen: „Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!" (vgl. Mt 27, 51-54).

Wirklich, nichts ist so dunkel und geheimnisvoll wie der Tod des Sohnes Gottes, der gemeinsam mit dem Vater die Quelle und die Fülle des Lebens ist. Aber nichts ist auch so leuchtend, denn hier strahlt die Herrlichkeit Gottes, die Herrlichkeit der allmächtigen und barmherzigen Liebe.

Angesichts des Todes Jesu ist unsere Antwort das Schweigen der Anbetung. So vertrauen wir uns ihm an, legen uns in seine Hände und bitten ihn, daß nichts in unserem Leben wie in unserem Tod uns jemals von ihm zu trennen vermöge (vgl. Röm 8, 38-39).

DREIZEHNTE STATION
Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

BETRACHTUNG

Jetzt hat sich die Stunde Jesu erfüllt, und Jesus ist vom Kreuz abgenommen. Die Arme seiner Mutter sind schon bereit, ihn aufzunehmen. Nachdem er die Einsamkeit des Todes bis zum Grund ausgekostet hat, findet Jesus - in seinem leblosen Leib - unverzüglich die stärkste und zärtlichste seiner menschlichen Bindungen wieder, die Wärme der Liebe seiner Mutter. Die größten Künstler - denken wir an die Pietà von Michelangelo - haben es verstanden, die Tiefe und die unzerstörbare Widerstandskraft dieser Bindung auszudrücken.

Indem wir uns daran erinnern, daß Maria zu Füßen des Kreuzes auch die Mutter eines jeden von uns geworden ist, bitten wir sie, in unser Herz jene Gefühle zu legen, die sie mit Jesus verbinden. Um wirklich Christen zu sein, um Jesus wirklich nachfolgen zu können, müssen wir nämlich mit allem, was in uns ist, an ihn gebunden sein: mit Geist, Willen, Herz, mit unseren kleinen und großen täglichen Entscheidungen.

Nur so kann Gott im Zentrum unseres Lebens stehen und nicht reduziert sein auf eine Tröstung, die immer verfügbar sein sollte, ohne sich jedoch in die konkreten Belange einzumischen, aufgrund derer wir handeln.

VIERZEHNTE STATION
Jesus wird ins Grab gelegt

BETRACHTUNG

Mit dem Stein, der den Eingang des Grabes verschließt, scheint wirklich alles beendet zu sein. Aber konnte denn der Urheber des Lebens ein Gefangener des Todes bleiben? Darum ist das Grab Jesu von damals an bis heute nicht nur Gegenstand innigster Verehrung, sondern es hat auch die tiefste Spaltung der Intelligenzen und der Herzen provoziert: Hier teilen sich die Wege zwischen Christgläubigen und denen, die nicht an ihn glauben, auch wenn sie ihn oft für einen wunderbaren Menschen halten.

Dieses Grab war nämlich bald darauf leer, und nie hat man eine überzeugende Erklärung dafür finden können, warum es leer war, außer der, welche die Zeugen des von den Toten erstandenen Jesus gegeben haben - angefangen von Maria Magdalena bis zu Petrus und den anderen Aposteln.

Vor dem Grab Jesu halten wir inne im Gebet und bitten Gott um die Augen des Glaubens, die uns ermöglichen, uns den Zeugen der Auferstehung anzuschließen. So wird auch für uns der Weg des Kreuzes zur Quelle des Lebens.

© Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana

 

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