ZG10041903 - 19.04.2010
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Papst Benedikt XVI.- seine ersten fünf Jahre im Petrusdienstamt (2005 - 2010)


Eine Zwischenbilanz von Bischof Josef Clemens, Präsident des Päpstlichen Laienrates


Im Bürgersaal der 2700-Seelen-Gemeinde Marktl Am Inn hat am Samstagabend der langjährige Privatsekretär des damaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Kurienbischof Josef Clemens, über „Fünf Jahre Pontifikat Papst Benedikt XVI." gesprochen. Der Sekretär des Päpstlichen Laienrates hatte 19 Jahre an der Seite des früheren Kardinals Ratzinger gearbeitet.

Wir veröffenlichen seine Zwischenbilanz als tägliche Serie in dieser Festwoche.

* * *

Sehr geehrter Herr (Erster) Bürgermeister (Hubert) Gschwendtner,

sehr geehrter Herr Pfarrer (Josef) Kaiser,

sehr verehrte Damen und Herren!

Am gestrigen Tag vor 83 Jahren wurde hier in der Gemeinde Marktl am Inn um 4.15 Uhr Joseph Alois Ratzinger als Sohn des Gendarmeriemeisters Joseph Ratzinger[1] und seiner Ehefrau Maria geb. Peintner[2] geboren, und um 8.30 Uhr des gleichen Tages in der hiesigen Pfarrkirche St. Oswald getauft.

Am Nachmittag des kommenden Dienstags, dem 19. April 2005 sind es fünf Jahre, dass dieser Sohn Ihrer Gemeinde aus dem Konklave der 115 Wahlkardinäle als Papst Benedikt XVI. und als 265. Nachfolger des Hl. Petrus hervorging. Es ist ein sehr weit gespannter Bogen, der diese Daten miteinander verbindet.

Wie im Thema angekündigt, beschränken sich meine Ausführungen auf diese letzten fünf Jahre seines Wirkens. In diesem Versuch einer Zwischenbilanz finden vor allem die Aussagen des Papstes Beachtung, die sich in einem engeren Sinn mit Fragen des Glaubens und der christlichen Lebensführung befassen.

Im feierlichen Gottesdienst, der zu seiner Amtsübernahme am Sonntag, dem 24. April 2005 auf dem Petersplatz stattfand, sagte Papst Benedikt XVI. zum Programm seines neuen Amtes: „Das eigentliche Regierungsprogramm ... ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte."[3]

Daher lauten die Leitfragen meiner heutigen Ausführungen: Auf welche Worte Gottes hat Papst Benedikt in diesen Jahren gehört? - Wie ist der Wille Gottes aus seinen eigenen Worten und seinen Taten erkennbar? - Wie ist er und mit ihm die Kirche durch Gottes Hand geführt worden?

Im ersten Teil dieses Vortrags gliedere ich meine Antworten anhand einer klassischen Bestimmung («triplex munus petrinum»), mit der man mit drei Schriftzitaten die Aufgaben des Hl. Petrus und seiner Nachfolger beschrieben hat: 1. Der Dienst des Hirten (vgl. Joh 21, 15-17: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe!"), 2. der Dienst der Lehre (vgl. Lk 22, 32: „Du aber, stärke dereinst (nach deiner Umkehr) deine Brüder!"), und 3. der Dienst der Einheit (vgl. Joh 17, 21-23: „Dass alle eins seien!").[4] Diese Dreiteilung geschieht lediglich aus methodischen Gründen, da auch die zweite und dritte Dimension letztlich Teil des einen petrinischen Hirtenamtes sind.

Im zweiten Teil komme ich auf drei konkrete Bereiche zu sprechen, denen die besondere Hirtensorge des Papstes in diesen Jahren gegolten hat und die zugleich meiner eigenen Mitverantwortung übertragen sind. Es geht um das Laienapostolat in den Sektoren der Neuen Geistlichen Bewegungen, der Jugend- und der Sportpastoral.

Trotz des durchaus überschaubaren Zeitraums von fünf Jahren zwingt die Fülle der Ereignisse, der Dokumente, Predigten und Ansprachen zu einer starken Beschränkung, so dass ich nur an einzelnen Belegen die inneren Leitlinien des bisherigen Pontifikates verdeutlichen kann. Es geht mir also nicht so sehr um eine größtmögliche Vollständigkeit, sondern ich versuche anhand der genannten dreifachen Bestimmung und mittels ausgewählter Texte die innere Dynamik des Pontifikats vorzustellen.

Leider sehe ich mich aufgrund der begrenzt zur Verfügung stehenden Zeit gezwungen, die Texte des Hl. Vaters vielfach zu kürzen bzw. zusammenfassen. Ich bedauere dies, denn es ist oft bemerkt worden, dass Joseph Ratzinger ein Meister des sprachlichen Ausdrucks ist. Dieser «theologus natus», dieser «geborene Gottesgelehrte» besitzt die Gaben einer große Tiefe und eines großen Reichtums im Denken, einer klare Sprache und einer ausgewählten Begrifflichkeit, sowie einer stringenten Argumentationsweise und einer außergewöhnlichen Kraft zur Synthese.[5]

Bevor ich auf die einzelnen Bereiche zu sprechen komme, möchte ich erwähnen, dass die in der Reihe «Insegnamenti di Benedetto XVI» inzwischen erschienenen sieben Bände seiner Dokumente, Predigten und Ansprachen, die bisher lediglich die Jahre 2005-2008 umfassen, insgesamt 7.155 Seiten füllen: Dies bedeutet, dass Papst Benedikt XVI. pro Jahr etwa 1.800 bis 2.100 Druckseiten an Texten vorzubereiten, bzw. zu studieren und in bis zu sechs Sprachen (italienisch, französisch, englisch, spanisch, portugiesisch, polnisch) öffentlich vorzutragen hat.[6]

Unter den bisherigen 13 Auslandsreisen und den 17 Reisen innerhalb Italiens verdienen einige Ereignisse besondere Beachtung. Ich denke an den XX. Weltjugendtag in Köln (18.-21 Aug. 2005), an die Reisen nach Bayern (9.-14. Sept. 2006), nach Brasilien zur Eröffnung der V. Generalkonferenz des Episkopates von Lateinamerika und der Karibik (9.-14. Mai 2007), in die Vereinigten Staaten von Amerika und zur UNO (15.-21. April 2008), zum XXIII. Weltjugendtag nach Sydney (12.-21. Juli 2008), nach Frankreich zum 150. Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes (12.-15. Sept. 2008), und letztlich die Pilgerfahrt ins Hl. Land (8.-15. Mai 2009). Aber kehren wir nunmehr zur ersten Dimension des Petrusamtes zurück.]

I. Papst Benedikt XVI. und der dreifache Petrusdienst

1. Der Dienst des Hirten

Das päpstliche Hirtenamt wird in der Letztverantwortung für die Diözese Rom, vor allem aber in der pastoralen Sorge für die Universalkirche ausgeübt. Diese weltweite Hirtensorge konkretisiert sich in zahlreichen Wortmeldungen (Enzykliken, Predigten, Botschaften, Ansprachen) und pastoralen Initiativen (z.B. das Paulusjahr: 2008-2009, oder das gegenwärtig andauernde Priesterjahr: 2009-2010), die der gesamten Kirche gelten, sowie in Leitungsmaßnahmen, wie in der Ernennung der Bischöfe bzw. der Bestätigung ihrer Wahl (bei den Unierten Ostkirchen). Hinzu kommen Anstöße und Übereinkommen über pastorale Notwendigkeiten mit den Bischöfen der weltweiten Kirche bei den alle fünf Jahre durchzuführenden Besuchen «Ad limina» in Rom und bei den dort regelmäßig stattfindenden internationalen Bischofssynoden, sowie die Pastoralbesuche in den Pfarreien der Ewigen Stadt, in den Diözesen Italiens und in weiteren Ländern der Erde.

Eine nähere Betrachtung der Ausübung des Hirtendienstes lässt bereits eine prägende Tendenz des bisherigen Pontifikats erkennen, die zu den bestimmenden Merkmalen seiner Persönlichkeit gehört, nämlich den der Wesentlichkeit, der sich mit der Tugend der Besonnenheit (σωφροσύνη) verbindet. Papst Benedikt XVI. geht es darum, angesichts der wachsenden Herausforderungen gegenüber der kirchlichen Lehre und der christlichen Lebensform wesentliche Antworten und angemessene Hilfen zu deren Bewältigung in unserem «Heute» anzubieten.

Im Bereich der Liturgie konkretisiert sich dieses Bemühen um Wesentlichkeit in der Sorge um eine Verinnerlichung des liturgischen Geschehens, d.h. dem Priester und auch den Gläubigen soll erleichtert werden, von innen her die Gebete und Riten zu vollziehen. Dazu dient u. a. die starke Betonung des Hörens auf Gottes Wort, der Stille, der Sammlung und der Anbetung.[7] Es geht dem Papst um eine «actuosa - et intima - participatio» in der Kontinuität des Glaubens aller Zeiten.[8]

Das päpstliche Motu proprio «Summorum Pontificum» vom 7. Juli 2007, das den vor 1970 gültigen Messritus als «Außerordentliche Form» des Lateinischen Ritus zugelassen hat, dürfen wir ebenso als Ausdruck des päpstlicher Hirtenamtes werten, das sich mit seiner Sorge um die innere Einheit der Kirche verbindet.[9] Der Papst selbst spricht in diesem Zusammenhang von seiner Absicht, zu einer „inneren Versöhnung in der Kirche" beizutragen.[10] Papst Benedikt XVI. sieht sich als «Oberster Brückenbauer» («Pontifex Maximus») in der Pflicht, auch die abtrünnigen Gläubigen der Piusbruderschaft zur Einheit der Kirche zurückzuführen.

[Wie bereits eingangs erwähnt, bilden auch die Besuche des Papstes in «pastoralen Brennpunkten» oder seine Teilnahme an besonderen Jubiläen (z.B. im französischen Wallfahrtsort Lourdes) einen konkreten Ausdruck seiner universalen Hirtensorge. Sie wollen den Glauben und das kirchliche Leben in den betreffenden Ortskirchen stärken und den Gläubigen unter den schwieriger gewordenen Bedingungen der modernen Welt Kraft zum Bekenntnis geben und ihnen Mut zu einem christlichen Lebenszeugnis zusprechen.]


[1] Joseph Ratzinger, geb. am 6. März 1877 in Rickering bei Schwanenkirchen (Landkreis Deggendorf /Nieder-bayern), verst. am 25. August 1959 in Traunstein.

[2] Maria Ratzinger, geb. Peintner, geboren am 7. Januar 1884 in Mühlbach bei Oberaudorf (Landkreis Rosenheim), verst. am 16. Dezember 1963 in Traunstein.

[3] Benedikt XVI., Predigt zur Amtseinführung mit Übergabe des Palliums und des Fischerrings, 24. April 2005, in: Der Anfang. Papst Benedikt XVI. /Joseph Ratzinger, Predigten und Ansprachen April/Mai 2005, in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 168, 30-36, 32.

[4] vgl. Joh 21, 15-17: «Pascere agnos, pascere oves»; Lk 22, 32: «Confirmare fratres»; Joh 17, 21-23: «Ut omnes unum sint»; vgl. zum Ganzen die Predigt Papst Benedikts XVI. anlässlich der feierlichen Besitznahme der Kathedra des Bischofs von Rom in der Lateranbasilika, 7. Mai 2005, in: Der Anfang 50-56.

[5] Vgl. H. Maier, Der Schriftsteller Joseph Ratzinger, in: IKaZ 26 (1997), 278-285. Das deutsche «Internetmagazin für Sprache, Literatur, Rede, Rhetorik» (www.institut1.de) beschreibt anhand der Predigt des Kardinals in der Hl. Messe „pro eligendo papa" (18. April 2005) die „Authentizität" seiner Aussagen mit den Begriffen: „Klarheit und Präzision, argumentierende Prinzipienfestigkeit und auf hohem Niveau reflektierte Analyse ...". Zur «Temperatur» der Predigt heißt es: „Wir finden eine raumgreifende Synthese Bachscher Analytik und Mozartianischer Gestaltungskraft. Wir sehen einen wohltemperierten Klang von Beschreibung, Substanz und Perspektive".

[6] Vgl. die bisher in der Vatikanischen Verlagsbuchhandlung erschienen sieben Bände der Reihe «Insegnamenti di Benedetto XVI», Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 2006-2009. Die Seitenzahl der einzelnen Jahresbände beträgt: Bd. I (2005) 1145 Seiten, Bd. II, 1 (2006) 863 Seiten, Bd. II 2, (2006) 930 Seiten = 1793; Bd. III 1, (2007) 1228 Seiten, Bd. III, 2 (2007) 923 Seiten = 2151; Bd. IV, 1 (2008) 1114 Seiten, Bd. IV, 2 (2008) 952 Seiten = 2066; vgl ebenso die bisher im gleichen Verlagshaus erschienenen vier Berichtsbände der Aktivitäten des Hl. Stuhls («L'Attività della Santa Sede») der Jahre 2005 -2008.

[7] Vgl. Benedikt XVI., Meditation zur Eröffnung der XI. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode, 3. Okt. 2005, in: O.R. (deutsch) Nr. 41, 14. Okt. 2005, 9f. 9: „Der Apostel will uns aufmerksam machen auf diese verborgene, aber ganz reale Präsenz Christi, der jedem von uns nahe ist. Für jeden von uns gelten die Worte aus der Offenbarung: Ich klopfe an deine Tür. Höre mich, öffne mir. Es ist also auch eine Einladung, für diese Gegenwart des Herrn, der an meine Tür klopft, empfänglich zu sein. Ihm gegenüber nicht taub zu sein, weil die Ohren unserer Herzen so erfüllt sind von den vielen Geräuschen der Welt, dass sie diese stille Gegenwart, die an unsere Türen klopft, nicht hören können ... Im Hinblick auf diese erste Weisung lasst uns also beten: Herr, mache uns empfänglich für deine Gegenwart. Hilf uns hören, damit wir dir gegenüber nicht taub sind. Hilf uns, dass unser Herz frei und für dich offen ist."

[8] Vgl. Benedikt XVI., Nachsynodales Schreiben Sacramentum Caritatis an die Bischöfe, den Klerus, die Personen gottgeweihten Lebens und an die christgläubigen Laien über die Eucharistie, Quelle und Höhepunkt von Leben und Sendung der Kirche, 22. Febr. 2007, in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 177, 72 ff.

[9] Vgl. Benedikt XVI., Apostolisches Schreiben Motu proprio «Summorum Pontificum» 7. Juli 2010, in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 178; vgl. ferner Brief des Hl. Vaters an die Bischöfe anlässlich der Publikation des Motu proprio «Summorum Pontificum», 7. Juli 2010, in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 178, 25: „Damit bin ich bei dem positiven Grund angelangt, der mich veranlasst hat, mit diesem Motu Proprio dasjenige von 1988 fortzuschreiben. Es geht um eine innere Versöhnung in der Kirche. In der Rückschau auf die Spaltungen, die den Leib Christi im Lauf der Jahrhunderte verwundet haben, entsteht immer wieder der Eindruck, dass in den kritischen Momenten, in denen sich die Spaltung anbahnte, von Seiten der Verantwortlichen in der Kirche nicht genug getan worden ist, um Versöhnung und Einheit zu erhalten oder neu zu gewinnen; dass Versäumnisse in der Kirche mit schuld daran sind, dass Spaltungen sich verfestigen konnten. Diese Rückschau legt uns heute eine Verpflichtung auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um all denen das Verbleiben in der Einheit oder das neue Finden zu ihr zu ermöglichen, die wirklich Sehnsucht nach Einheit tragen. "

[10] Benedikt XVI., Brief an die Bischöfe zu «Summorum Pontificum » 25.

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