ZG10052111 - 21.05.2010
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Roms geheimer Schatz - Die Urikone des Rosenkranzes (Teil 2)


Von Paul Badde


ROM, 21. Mai 2010 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den zweiten Teil des Berichts von Paul Badde über die Auffindung der „Urikone des Rosenkranzes".

Die Marien-Ikone der „Advocata" vom Zionsberg soll vom heiligen Lukas gemalt und im 13. Jahrhundert vom heiligen Dominikus in dessen neu gegründetes Frauenkloster gebracht worden sein. Heute ist die „Urikone des Rosenkranzes" im Monastero di Santa Maria del Rosario (Via Cadlolo Alberto 51 / Via trionfale 177, 00136 Rom) zu sehen.

* * *

Hinter allen Legenden findet sich jedoch eine Merkwürdigkeit, die kunstgeschichtlich in die früheste Schicht der christlichen Bilderwelt zurückführt. Denn wie die Madonna in der Chiesa Nova auf dem Forum Romanum - deren „Imago Antiqua" allerdings niemals Kopisten zur Nachahmung einlud - ist auch die Advocata „enkaustisch" gemalt. Das heißt, in einer Maltechnik Ägyptens mit heißem Wachs und Mastix, deren geheime Mixtur im 7. Jahrhundert für allemal verloren ging. Diese Technik hat sie mit den ältesten Ikonen vom Sinai gemein und mit der Bemalung antiker Fischerboote. Am ehesten gleicht die Madonna aber einigen jener etwa 800 Mumienporträts, die Ende des 19. Jahrhunderts im Wüstensand der Oasen von Fayoum und Memphis in Oberägypten gefunden wurden - die allgemein als Vorläufer der Ikonen gelten. Es sind darunter Bilder höchster Meisterschaft neben eher primitiven Tafeln. Zur Unterscheidung gibt es für die Porträts eine Faustregel. Alle von ihnen stammen aus dem 1. bis 4. Jahrhundert nach Christus, alle waren enkaustisch gemalt, doch je älter sie sind, desto schöner und differenzierter sind sie auch. Rein technisch ist die Advocata diesen allerbesten Bildern am nächsten verwandt, diesen allerältesten Exemplaren: im Blick ihrer brunnentiefen Augen, im Korallenrot der Lippen, im Rouge der Wangen, der auffallend langen Nase, der Kunst der Schattierung und im unergründlichen Rätsel ihrer Lebendigkeit. Doch keine schaut barmherziger. So beseelt und lebendig wie im Blick der Advocata scheint kein anderer Mensch in einem Bildnis aus der Antike auf uns zugekommen.

1960 wurde die Tafel vom 12. Februar bis zum 28. Juni eingehend untersucht und restauriert. Der Untersuchungsbericht ist dürr. Ort: Rom. Maler: unbekannt. Maße: 70,2 x 40,5 cm. Dicke der Tafel: 0,5 cm. Holzart: vielleicht Linde, jedenfalls so zerfressen, dass eine Altersbestimmung nur schwer möglich ist. Eine Kupferplatte hält das Bild von hinten zusammen, Röntgenaufnahmen sind deshalb unmöglich. Sicher scheint nur, dass sie aus dem Osten kommt. Woher, weiß keiner. Auf dem Monte Mario befindet sie sich seit 1931, davor wurde sie seit 1575 in SS. Domenico e Sisto an der Piazza Magnanapoli verehrt, einem Barock-Juwel unter den Kirchen Roms, davor seit dem Jahr 1221 in San Sisto vecchio am Ausgang der Via Appia, davor in Santa Maria in Tempulo, einer Kirche, die schon lange säkularisiert wurde, doch deren verstecktes Gemäuer immer noch für Ziviltrauungen genutzt wird. In der letzten und vorletzten Kirche erinnern noch Bilder an ihren Aufenthalt, einmal in einem Fenster, das andere Mal versteckt im Chor hinter dem Hauptaltar, dahinter verliert sich die Spur. Nach ihrer Ankunft in Rom soll sie zuerst in S. Agatha in Turri verehrt worden sein, aus der später Santa Maria in Trastevere wurde. Davor ist Dunkel.

Nur Legenden erhellen sie in dieser Zeit wie ein Nimbus. 1656 hat eine Schwester Domenica Salamonia die schönsten in einer Chronik versammelt, in einer Abschrift älterer Abschriften, wie sie beteuert. Dass dieses Bild Wunder wirke, war ihr keine Frage, auch nicht, dass Lukas es natürlich selbst gemalt habe, im Abendmahlssaal auf dem Zionsberg, wo sie nach dem ersten Pfingstfest neben Petrus einen Ehrenplatz unter den Aposteln hatte. Darum habe sie es später auch gedrängt, in ihrem Bild nach Rom zu kommen, zum Nachfolger des Apostels. Es sei die Ikone der Urgemeinde. Darum auch dieser Blick, der gesehen hatte, wie ihr Sohn in Armeslänge neben ihr zu Tode gemartert wurde. Die ihn danach für 40 Tage wieder unter den Lebenden - und wieder neu entschwinden sah. Musste sie nicht danach zur ersten Ikone ihres Sohnes unter den Aposteln werden? Doch der Apostel Johannes, nicht Lukas, habe es aus Jerusalem nach Ephesus gebracht, von wo es nach seinem Tod nach Konstantinopel und Europa gelangt sei. Im Jahr 590, berichtet Schwester Salamonia weiter, trug Gregor der Große ihr Bildnis in einer schweren Pest wie ein Heerzeichen gegen die Seuche durch Rom. Als sich die Prozession dem Tiber näherte, schien das Mausoleum Kaiser Hadrians in Flammen zu stehen. Auf der Mauerkrone erschien ein junger Mann in Rüstung, der sein Schwert langsam in die Scheide steckte. Die Pest brach zusammen. Ein Chor in der Höhe sang der Himmelskönigin zu Ehren „Regina Caeli". An jenem Tag nannte Papst Gregor das alte Bauwerk in Engelsburg um, dessen Spitze bis heute den Erzengel in Bronze zeigt, wie er das Schwert in die Scheide steckt. Die Geschichte ist so römisch wie das Pantheon. Domenikus Guzman, dem die Christenheit den Rosenkranz und eine Wolke großer Heiliger aus seinem Orden verdankt, hat das Bild am 28. Februar 1221 schließlich eigenhändig von S. Maria in Tempulo zu S. Sisto in sein neu gegründetes Frauenkloster getragen. So wurde das Bild mit Gewissheit zur Urikone des Rosenkranzes, der Traditionskette schlechthin, mit der Christen mit den Augen der Mutter den Sohn betrachteten - und einen schöneren Ort als heute hätte die Himmelskönigin für ihr Bild kaum wählen können.

Auf dem Monte Mario nimmt das Kloster einen märchenhaften Platz ein. Bevor die Advocata hierhin überführt wurde, hat Franz Liszt in dem Haus schon sein Christus-Oratorium komponiert. Die Aussicht über Rom ist kosmisch. Doch seit oberhalb des Klosters das Hilton-Hotel errichtet wurde, geht die Barockkuppel im Panorama des Hügels fast unter. Vom Dach des Klosters, von dem eine Schwester noch vor Jahrzehnten verfolgen konnte, wie Papst Pius XII. in den Vatikanischen Gärten von einem Sonnenwunder heimgesucht wurde, kann man Sankt Peter schon lange nicht mehr sehen. Nur das Bild Mariens in der Klausur der Nonnen ist immer noch schön wie am ersten Tag. Vielleicht ist es auch noch schöner geworden. Die Dominikanerinnen aber, die „das süße Bild in unzertrennlicher Gemeinschaft" verwahren, werden immer älter. Von dreizehn Schwestern sind fünf über 80, eine ist 92. Wasser kommt durch manche Wände, die Leitungen sind alt und brüchig, Schwester Angelica, die Oberin, kann ihre Schulden nicht bezahlen, die Telefone funktionieren nicht. Sie ist dringend auf Spenden angewiesen und weiß sie nur noch herbei zu beten. Das Kloster lebte einmal von der Kunst, Reliquien kostbar einzufassen. Das Haus ist voll solcher Reliquien: ein Schienbein des heiligen Thomas von Aquin, die Schädeldecke des heiligen Dominikus, ein Reliquiar mit einer schlanken Hand der heiligen Katharina von Siena aus dem 14. Jahrhundert, verdorrt, schlank und nachgedunkelt, doch deutlich mit einer Handwunde ihrer Stigmata. Es ist die Insel einer Welt, die - rein soziologisch betrachtet - akuter vom Untergang bedroht ist als die Gletscher der Schweiz. Wie lange Europa auf diesen Luxus noch rechnen kann, weiß keiner.

„Wo ist der alte Priester vom letzten Mal", fragte ich bei meinem dritten Besuch, als morgens ein Pater aus Schwarzafrika aus der Sakristei zum Altar kam. „Er ist letzte Woche gestorben", sagte Schwester Angelica durch das Gitter, „mit 93 Jahren". Don Simeone war Kroate und sei zur Advocata gegangen, die er so sehr geliebt hat. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende, sagt Maria selbst mit ihrem alterslosen Blick. Sie ist ein verborgenes Weltwunder. „Die Mutter des Herrn hat vom gläubigen Volk den Titel Advocata erhalten", sagte Papst Benedikt XVI. am 11. September in Regensburg, „sie ist unsere Anwältin bei Gott." Ich sehe schon, wie ich sie wieder aufsuchen muss. Wir werden sie alle noch nötig haben.

[Teil 1 erschien am 20. Mai 2010 © Vatican - Schönheit und Drama der Weltkirche]

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