ZG10060101 - 01.06.2010
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Vatikan: Missbrauchsbeauftragter findet starke Worte für Sünden des Klerus


Sühnegebet für Priester im Petersdom


ROM, 1. Juni 2010 (ZENIT.org).- Am vergangenen Samstag fand im Petersdom ein Sühnegebet für die Priester statt, die sich des Verbrechens des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig gemacht haben. Dem Gottesdienst zur Heiligung der Priester und Sühnegottesdienst, dem eine eucharistische Anbetung voranging, stand der aus Malta stammende „Anwalt der Gerechtigkeit" der Kongregation für die Glaubenslehre, Msgr. Charles J. Scicluna, vor, der vor dem besonders jungen Publikum starke Worte fand: „Wie viele Sünden werden in der Kirche aus Arroganz begangen, aus unstillbarer Ehrsucht; dem Machtmissbrauch derer, die ihr Dienstamt ausnutzen, um eine Karriere zu machen, zu glänzen und dies aus vergänglichen und miserablen Motivationen heraus tun?".

 

Wir veröffentlichen seine offizielle Ansprache in einer eigenen Übersetzung des vom Autor zu Verfügung gestellten italienischen Originals.
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„Wenn das Salz seinen Geschmack verliert"

Msgr. Charles J. Scicluna*

Die Lesung des Textes aus dem Evangelium bietet uns eine zusammenfassende und gleichzeitig wunderbare Beschreibung der Beziehung Jesu zu den Kindern. Diese für alle, die berufen sind, Jünger Christi zu sein, zweifellos zentrale und aussagestarke Szene charakterisiert die Verse 36-37 des 9. Kapitels des Markusevangeliums und wird in Kapitel 10 mit den Versen 13-16 wiederholt: „Und er stellte ein Kind in ihre Mitte und nahm es in seine Arme" (Mk 9,36). „Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte (...); er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie" (Mk 10,13.16).

Unsere Präsenz hier und heute; eure Anwesenheit hier am Altar der Kathedra Petri in Gegenwart des eucharistischen Jesus will ein Widerhall dieser Liebe, dieser Fürsorge und Aufmerksamkeit sein, welche die Kirche als Braut Jesu gegenüber den Kindern und den Schwachen aufgebracht hat.

Begeben wir uns in die Schule der Kirchenväter und bedienen wir uns dabei der Arbeit des heiligen Thomas von Aquin in der Catena Aurea. So können wir finden, dass für Theophylaktos, einen hochangesehenen Kommentator der Heiligen Schriften, das Kind ein beredtes Bild für die Unschuld ist. Johannes Chrysostomus bemerkt, dass der Herr dessen Demut und Einfachheit schätzt, „denn dieses Kleine ist frei von Neid, Ruhmsucht und jedem Wusch nach Überlegenheit" (Hom. in Matt 58). Beda der Ehrwürdige lobt im Kind das Fehlen von Bosheit, die Einfachheit ohne Arroganz, die Liebe ohne Neid, die Hingabe ohne Zorn (Comm. In Marc. 3,39).

Das Kind wird zur Ikone des Jüngers, der im Himmelreich „groß" sein möchte. Jesus, der Herr, rügt die Seinen, da sie kurz nach seiner zweiten Erklärung über die Forderungen der Kreuzesnachfolge (Mk 9,30.32) schon unterwegs dabei waren, sich in Diskussionen darüber zu verlieren, wer unter ihnen der Größte sei. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein". Wie viele Sünden werden in der Kirche aus Arroganz, aus unstillbarem Ehrgeiz, aus Machtmissbrauch und aus Ungerechtigkeit derer begangen, die ihr Amt ausnutzen, um Karriere zu machen, um zu glänzen, und dies aus nutzlosen und erbärmlichen Motivationen heraus tun!

„Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat" (Mk 9,37).

Ein Kind aufzunehmen, das Herz für die Demut eines Kindes zu öffnen, es im Namen Jesu aufzunehmen bedeutet, das Herz Jesu anzunehmen, die Augen des Meisters; es schließt eine Offenheit für den Vater und den Heiligen Geist ein. Theophylaktos ruft aus: "Sieh, wie groß die Demut ist! Sie verdient sich die Wohnstatt des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes".

„Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen" (Mk 10,15)

Das Reich Gottes wie ein Kind anzunehmen bedeutet, es reinen Herzens zu empfangen, gehorsam, voller Hingabe, mit Vertrauen, Begeisterung und Hoffnung. All dies ruft uns das Kind in Erinnerung. All dies macht das Kind in Gottes Augen und in den Augen des wahren Jüngers Jesu kostbar.

Wie dürr wird dagegen die Erde und wie traurig die Welt, wenn dieses so wunderbare Bild und diese heilige Ikone zertreten, zerbrochen, beschmutzt, missbraucht, ja zerstört wird. Es ist wie ein Schrei aus dem Herzen Jesu: „Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! (Mk 10,14). Seid kein Hindernis für all jene, die unterwegs sind zu mir. Seid kein Hindernis für ihre geistliche Entwicklung, lasst nicht zu, das sie vom Bösen verführt werden, macht die Kinder nicht zum Gegenstand eurer Begierlichkeiten.

„Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde" (Mk 9,42).

[Papst Benedikt XVI. hatte bereits am 8. Februar 2010 in seiner Ansprache an die Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Familie auf diesen Abschnitt aus dem Evangelium hingewiesen]

Gregor der Große kommentiert diese schrecklichen Worten Jesu: "Im Gewicht des Mühlsteins mystisch ausgedrückt finden sich die Mühsal und die Arbeit der Welt, während die Tiefe des Meeres die schrecklichste Verdammung bedeutet. Für den, der ein Gelübde der Heiligkeit abgelegt hat, aber andere durch das Wort oder mit dem Beispiel zerstört, wäre es wirklich besser, dass seine Übeltaten ihn zu Tode brächten, während er noch in der Welt lebt, als dass ihn sein heiliges Amt zum Vorbild für andere mache, während er in tiefer Schuld lebte; denn wenn er einsam in die Verdammnis der Hölle gefallen wäre, wäre dies erträglicher".

Aber der Herr, der sich nicht am Verlust seiner Diener freut und nicht den ewigen Tod seiner Geschöpfe will, bietet sofort eine Abhilfe für die Verurteilung, Medizin für Krankheit, Trost angesichts der ewigen Verdammnis. Er benutzt die starken Worte vom göttlichen Chirurgen, der schneidet, um zu heilen, der amputiert, um zu retten, und den Weinstock beschneidet, damit er viel Frucht bringen kann: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab" (Mk 9,43). „Wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab" (Mk 9,45). „Wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus" (Mk 9,47).

Verschiedene Kirchenväter deuten „die Hand", „den Fuß", „das Auge" als den lieben Freund, mit dem wir unser Leben verbringen, dem wir freundschaftlich in Liebe, Eintracht und Solidarität verbunden sind. Aber für diese Verbindung gibt es eine Grenze. Die christliche Freundschaft unterwirft sich dem Gesetz Gottes. Wenn mein Freund, mein Gefährte, die mir teure Person für mich einen Anlass zur Sünde darstellt, für mich ein Stolperstein auf meinem Weg ist, dann habe ich entsprechend der Maßgabe des Herrn nur die Wahl, diese Verbindung abzubrechen. Wer würde die Qual einer derartigen Entscheidung leugnen? Ist dies etwa keine grausame Amputation? Und dennoch ist der Herr eindeutig: Es ist besser zu versuchen, allein ins Himmelreich zu kommen, ohne eine Hand, ohne einen Fuß, ohne ein Auge, als mit meinem Freund „in die Gehenna", in das „unauslöschliche Feuer" zu gehen (vgl. Mk 9.47-48; vgl. Mk 9,35.47).

Dieses starke Bild, bei dem es um konkrete Glieder des Körpers geht, stellt uns ohne große Verwirrung vor den Spiegel unseres Gewissens. Der Bezug zur Hand, zum Fuß, zum Auge erinnert an die schmerzhaften Worte des Apostels Paulus an die Römer:

„Ich stoße also auf das Gesetz, dass in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute tun will. Denn in meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht werden. Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Es ergibt sich also, dass ich mit meiner Vernunft dem Gesetz Gottes diene, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde" (Röm 7,21-25).

Der Völkerapostel, der zum Zeugen für das Evangelium der Gnade wurde (Vgl. Röm 1,16), gibt angesichts unserer Neigung zur Sünde nicht auf: Er ermutigt die Römer mit anfeuernden Worten, die zu Umkehr und Treue einladen: "Wie ihr eure Glieder in den Dienst der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit gestellt habt, so dass ihr gesetzlos wurdet, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit, so dass ihr heilig werdet" (Röm 6,19).

Der Herr lehrt uns also eine weitere hohe Forderung an die Jüngerschaft, eine präventive Medizin, die der Eucharistische Jesus, das Feuer der Liebe, heute auch euch jungen Menschen vorschlägt, die ihr in der Ausbildung zum heiligen Priesteramt in der Kirche steht. "Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden" (Mk 9,49).

Das Feuer brennt, es lodert auf, es reinigt. Es ist ein beredtes Zeichen für den Heiligen Geist. So erklärte dies der Heilige Vater mit seinen eindrucksvollen Worten im Petersdom am vergangenen Sonntag zum Pfingstfest:

„Das Feuer Gottes, das Feuer des Heiligen Geistes, ist das Feuer des Dornbusches, das auflodert, ohne zu verbrennen (vgl. Ex 3,2). Eine Flamme, die brennt, aber nicht zerstört; die im Gegenteil dadurch, dass sie auflodert, den besten und wahrsten Teil des Menschen zutage treten lässt, sie lässt wie beim Schmelzen seine innere Gestalt hervortreten, seine Berufung zur Wahrheit und zur Liebe.

„Ein Kirchenvater, Origenes, gibt in einer seiner Homilien zum Propheten Jeremias ein Wort wieder, das Jesus zugeschrieben wird. Es ist nicht in der Heiligen Schrift enthalten, aber vielleicht authentisch und lautet: ‚Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe' (Homilie zu Jeremias L. I [III]). Denn in Christus wohnt die Fülle Gottes, der in der Bibel mit dem Feuer verglichen wird. Wir haben soeben gesagt, dass die Flamme des Heiligen Geistes brennt, aber nicht verbrennt. Und dennoch bewirkt sie eine Verwandlung, und deshalb muss sie etwas im Menschen verzehren, die Schlacken, die ihn verderben und in seinen Beziehungen zu Gott und dem Nächsten beeinträchtigen. Diese Wirkung des göttlichen Feuers jedoch erschreckt uns, wir haben Angst, uns zu ‚verbrennen', wir würden es vorziehen, so zu bleiben, wie wir sind. Das hängt von der Tatsache ab, dass unser Leben oftmals an der Logik des Habens, des Besitzens und nicht der Selbsthingabe ausgerichtet ist. Viele Menschen glauben an Gott und bewundern die Gestalt Jesu Christi, wenn man aber von ihnen fordert, etwas von sich selbst zu verlieren, so ziehen sie sich zurück und haben Angst vor den Anforderungen des Glaubens. Es besteht die Furcht, auf etwas Schönes verzichten zu müssen, an dem wir hängen; die Furcht, dass uns die Nachfolge Christi der Freiheit, gewisser Erfahrungen, eines Teils unserer selbst beraube. Einerseits wollen wir bei Jesus sein, ihm aus der Nähe folgen, und andererseits fürchten wir uns vor den Konsequenzen, die dies mit sich bringt."

„Liebe Brüder und Schwestern, wir haben es stets nötig zu hören, dass Jesus, der Herr, das zu uns sagt, was er oft seinen Freunden wiederholte: ‚Fürchtet euch nicht.' Wie Simon Petrus und die anderen müssen wir es zulassen, dass seine Gegenwart und seine Gnade unser Herz verwandeln, das immer den menschlichen Schwächen unterworfen ist. Wir müssen es verstehen anzuerkennen, dass der Verlust von etwas, mehr noch: dass der Verlust seiner selbst für den wahren Gott, den Gott der Liebe und des Lebens, in Wirklichkeit ein Gewinn ist, ein volleres Finden seiner selbst. Wer sich Jesus anvertraut, erfährt bereits in diesem Leben den Frieden und die Freude des Herzens, welche die Welt nicht geben und nicht einmal nehmen kann, da es Gott ist, der sie uns geschenkt hat. Es lohnt sich also, sich vom Feuer des Heiligen Geistes berühren zu lassen! Der Schmerz, den dies bereitet, ist für unsere Verwandlung notwendig. Das ist die Wirklichkeit des Kreuzes: Nicht umsonst ist in der Sprache Jesu das ‚Feuer' vor allem ein Bild des Kreuzesgeheimnisses, ohne das es kein Christentum gibt. Daher erheben wir erleuchtet und gestärkt durch diese Worte des Lebens unser Gebet: Komm, Heiliger Geist! Entzünde in uns das Feuer deiner Liebe! Wir wissen, dass dies ein kühnes Gebet ist, mit dem wir darum bitten, von der Flamme Gottes berührt zu werden; doch wir wissen vor allem, dass diese Flamme - und sie allein - die Macht hat, uns zu retten. Wir wollen nicht, um unser Leben zu verteidigen, das ewige Leben verlieren, das Gott uns schenken will. Wir brauchen das Feuer des Heiligen Geistes, da allein die Liebe erlöst."

"Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden" (Mk 9, 49).

Das Salz bewahrt vor dem Verderben und gibt Geschmack. Die Kirchenväter sehen darin ein Bild für die Besonnenheit und die Weisheit. Der Apostel Paulus ermahnte die Kolosser: "Eure Worte seien immer freundlich, doch mit Salz gewürzt; denn ihr müsst jedem in der rechten Weise antworten können".(Kol 4,6) Das Salz ist also der Herr Jesus Christus, der die ganze Welt vor dem Verderben gerettet hat und die Seinen begnadet hat, uns, auf dass wir Salz und Licht für die Welt seien (Mt 5, 13).

"Das Salz ist etwas Gutes. Wenn das Salz die Kraft zum Salzen verliert, womit wollt ihr ihm seine Würze wiedergeben? Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander!" (Mk 9, 50).

Das ist die Einladung, die Jesus, der Meister, heute an uns alle richtet, in dieser feierlichen Anbetung zur Sühne und zum Gebet der Fürbitte in Einklang mit dem Heiligen Vater Benedikt XVI. Wir hören den Ruf des Herrn. Wir wollen in unserer Antwort nicht unsere Begeisterung zerstreuen. Wir wollen nicht, dass unser Salz seinen Geschmack verliert. Zu Füßen der Eucharistie beten wir so, wie die Kirche sich während der Messe an Jesus wendet, der auf dem Altar gegenwärtig ist:

"Der Herr hat zu seinen Aposteln gesagt: Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Deshalb bitten wir: Herr Jesus Christus, schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche, und schenke ihr nach deinem Willen Einheit und Frieden. Amen". (Römisches Messbuch).


[* In der Praxis handelt es sich beim „Anwalt der Gerechtigkeit" um den Staatsanwalt des Gerichts des früheren „Heiligen Offizium ", das die Aufgabe hat, so genannte „delicta graviora" zu untersuchen, also Vergehen, die die katholische Kirche als die absolut schwerwiegendsten einstuft. Dabei handelt es sich um die Vergehen gegen die Eucharistie, Vergehen gegen die Heiligkeit des Bußsakraments und um den Verstoß gegen das sechste Gebot („Du sollst nichts Unkeusches tun") durch einen Kleriker mit einem Jugendlichen unter 18 Jahren. Für diese Vergehen hat das Motu proprio von 2001 mit dem Titel Sacramentorum sanctitatis tutela der Kongregation für die Glaubenslehre die Kompetenz zugesprochen hat].

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