ROM, 14. Juli 2010 (ZENIT.org).- Die Kirche lebt gerade heute in einer Zeit des Lichts. Während der zurückliegenden Monate wurde aber im neuen Licht der Wahrheit vieles Erschreckende zu Tage gefördert. In jedem Christen, der kirchliche Gemeinschaft als Geschenk und Auftrag zu gegenseitiger Mitverantwortung empfindet, hat dies viele Fragen aufgeworfen. Darunter auch die Frage, wie die Bereitschaft, einander in Leitungsfunktionen selbstlos zu helfen, zu kritisieren, kurzum: wie das Gebot der brüderlichen, der geschwisterlichen Freundschaft effektiv umgesetzt werden kann.
Für die Münchener Pastoraltheologin Dr. Katharina Karl muss gerade heute in einer kirchlichen Gemeinschaft die "correctio fraterna" neu ihren Platz finden. Die prophetische Berufung der Kirche, jedes kritische Verhalten ihrer Vertreter und Mitglieder, muss auch dem eigenen Selbstvollzug gegenüber selbstkritisch sein, Zivilcourage zeigen.
Aus diesem Anlass veröffentlichen wir diesen Beitrag von Karl, der die Konzeption der „Correctio Fraterna" in der Regel des Hl. Augustinus untersucht, in einer dreiteiligen Folge jeweils am Mittwoch im Juli. Dabei analysiert die Assistentin am Lehrstuhl für Pastoraltheologie der LMU München die theologischen Schlüsselbegriffe der „Einwohnung Gottes im Menschen" und des Verständnisses der Gemeinschaft als „Christus totus" mit ihren Anregungen für das konkrete Zusammenleben.
Dr. Katharina Karl
Gemeinschaft als Lernort geistlicher Kompetenz: die „Correctio fraterna" (Teil 1)
Die „Correctio fraterna" bei Augustinus von Hippo
Geglücktes Leben in Gemeinschaft - das ist ein Thema, das heute mehr denn je Fragen aufwirft. Eigenverantwortlichkeit scheint, auf jeden Fall im westlichen Kulturkreis, auf den ersten Blick mehr gefragt zu sein als die Abhängigkeit und Sicherheit einer Gruppe. Zugleich sind Teamfähigkeit und Kooperationsbereitschaft weit über den Bereich des Managements als Ressource für gelingende Beziehungen in der Kommunikationsgesellschaft unersetzlich geworden. Die Klosterkultur ist in ihrer scheinbaren unzeitgemäßen Verbindlichkeit dabei, zu einem Ideal für die Projektionsfläche einer unbestimmten Sehnsucht nach gemeinschaftlichen Lebensentwürfen zu avancieren. Das christliche Gemeinschaftsideal ist daran zu messen, ob es glaubwürdige Impulse für ein Lebensmodell von Gemeinschaft anbieten kann, oder besser gesagt, ob es Kompetenzen zur Lebensbewältigung zu vermitteln vermag. Dafür müssen die Anstöße aus der Gegen-kultur christlicher Gemeinschaften zur Praxis werden, um dem Anspruch zu genügen, zur Schule im Sinne von „Lernort"[ Lavigne, Jean C., Das Leben in Gemeinschaft als Lernort für jede(n) und für Europa, in: Ordenskorrespondenz 49 (2008/4), 411-426.] der Gemeinschaft zu werden.Die seit den Anfängen im christlichen Gemeindeleben praktizierte „Correctio fraterna" mag hierbei einen ausgefallenen Zugang anbieten, unterliegt sie doch all zu leicht dem Vorbehalt der moralistischen Engführung. Umso angebrachter erscheint es, der Bedeutung der „Correctio" für ein intensives christliches Leben in Gemeinschaft nachzugehen. [Die Ursprünge des Begriffs reichen in den jüdisch-rabbinischen und hellenistischen Bereich zurück, vgl. Ernst, Art. „Brüderliche Zurechtweisung", in: LThK Bd.2, Freiburg 1994, 715-716, 715.] Im Kontext des NT und der ersten Gemeinden erfährt die „Ermahnung" und „Brüderliche Zurechtweisung" eine christliche Prägung, war es nicht zuletzt ein großes Anliegen der ersten Christen, die geschwisterliche Liebe in der Nachfolge Jesu zu leben und nicht müde zu werden, sich dazu zu ermahnen. [Schenk-Ziegler, Alois, Correctio fraterna im Neuen Testament (Forschung zur Bibel 84), Würzburg 1997, 1f. Zur Untersuchung zum Wortfeld im NT vgl. Heiligkeitsgesetz (Lev 19,17) und Liebesgebot (Mk 12,28-31)].
2. „Correctio fraterna" - Inspiration des Heiligen Augustinus
Augustinus von Hippo stellt in seiner Regel, die als erste Regel für eine „vita communis" des Abendlandes gilt und daher für die monastische Lebensform wegweisend geworden ist,[1] kein geschlossenes theologisches Konzept der „Correctio fraterna" vor. Die Regula ist vielmehr in den Gesamtkontext der augustinischen Theologie eingebettet und aus den Gegebenheiten des klösterlichen Zusammenlebens[2] heraus geschrieben. Auf biblisches Fundament gründend, entwickelt Augustinus seine Regel aus Elementen geistlicher Vorträge, die er seinen Mitbrüdern hielt.[3] Die Verbindung von Spiritualität mit der konkreten Lebenspraxis gibt der „Correctio" einen experimentellen Ton.
2.1 Grundaxiome augustinischer Theologie
Einheit
„Wie ein Herz und eine Seele zusammenzuwohnen auf dem Weg zu Gott, war das nicht euer Motiv?"[4] Dieses Ideal stellt Augustinus seinen Mitbrüdern im ersten Kapitel seiner Regel vor Augen. Einheit und Gemeinschaft bilden Zentrum und Grundintention der Regel.[5] In einer Predigt formuliert Augustinus sehr klar, worum es ihm bei seinem Konzept einer klerikalen Gemeinschaft geht: „Wer mit mir zusammenleben will, wird Gott besitzen."[6] Gemeinschaft ist bei Augustinus nie nur ein Mittel zum Ziel, sondern immer ein Zweck in sich: In ihr findet und begegnet man Gott,[7] aus dem allein die wahre Einheit erwächst.
Auf die Anfrage einer Schwester, inwieweit die Zurechtweisung sinnvoll und legitim sei, äußert sich Augustinus folgendermaßen: „Verwendet größere Mühe darauf, unter euch Eintracht zu stiften, als einander zurecht zu weisen. Denn wie Essig das Gefäß verdirbt, wenn er zu lange darin bleibt, so verdirbt Zorn das Herz, wenn er bis zum nächsten Tag fortdauert."[8] Die „Correctio fraterna" dient nicht nur der Heiligung des Einzelnen, sondern vielmehr der Einheit der Gemeinschaft als Ganzer.[9] Diese in der Regel angestrebte Einheit gewinnt ihre besondere Qualität darin, dass sie im augustinischen Sinn immer nur als Einheit mit und in Christus verstanden werden muss. Der Topos „ein Herz und eine Seele" symbolisiert die Einheit mit Christus, und daraus ableitend auch die Einheit untereinander.[10]
Die Einwohnung Gottes im Menschen
Eine weitere theologische Grundidee im Regeltext ist die Einwohnung Gottes in der Gemeinschaft.[11] Eben darum erachtet es Augustinus als so entscheidend, aufeinander zu achten, weil die Gegenwart Gottes durch die „Correctio" zum Wohl eines jeden wirkt: „Gott, der in euch wohnt, wird euch durch eure Verantwortlichkeit füreinander beschützen."[12]
Dieser Abschnitt wird in der Forschung konträr gelesen. Bavel sieht aus grammatischen Gründen das „in vobis" als Plural daraufhin weisen, dass Gott in der Gemeinschaft als ganzer lebt,[1] während Zumkeller diese Aussage eben auch mit der Einwohnung Gottes im Einzelnen in Verbindung bringt.[13] Der Widerspruch ist meines Erachtens nur ein scheinbarer, da die Lehre vom „Corpus Christi" an sich schon eng mit dem Bild des Menschen als Tempel Gottes verbunden ist. Die individuelle und gemeinschaftliche Dimension schließen sich nicht gegenseitig aus. Augustinus sagt selbst an einer Stelle: „Sein Tempel sind wir alle zusammen und jeder für sich, weil er sowohl der Gemeinschaft aller, als auch den einzelnen einzuwohnen sich würdigt."[14] Gott lebt in der Mitte der Gemeinschaft und so ist die Verantwortung füreinander in Gott selbst verwurzelt.[15] Gottes- und Nächstenliebe sind im augustinischen Verständnis untrennbar eins,[16] so dass der einzigartige Wert, der dem Nächsten gebührt, in der Einwohnung Gottes in ihm ihren Ursprung hat. Gott im Anderen zu begegnen, ist der Blickpunkt, aus welcher die Verantwortung füreinander ihre Tiefe und Bedeutung erhält.
Der Christus Totus
Der paulinische Topos vom „Totus Christus" steht in der Mitte der gesamten Theologie Augustins.[17] Christus ist in jedem seiner Glieder gegenwärtig. Jeder, der zu seinem Leib gehört, ist „Christus": „Da er (Paulus) von den Gläubigen spricht, sagt er nicht: so auch die Glieder Christi; sondern er nannte das Ganze, wovon er sprach, Christus."[18]
Augustinus besitzt eine große Sensibilität für die Gebrochenheit des Menschen und deren Auswirkungen auf den ganzen Leib Christi. Die Verletzungen, die Menschen einander zufügen, betreffen Christus selbst, die Kirche und mit ihr die ganze Menschheit. „Denn, Brüder, seht unseres Hauptes Liebe. Schon ist er im Himmel, und doch leidet er hienieden, solange die Kirche hienieden leidet."[19] Das Bewusstsein der Verbundenheit in Christi Leib gibt dem eigenen Tun eine besondere Dringlichkeit: „Mein Leib ist noch immer da. Wo ist er? Über die ganze Erde hin. Nimm dich in Acht, dass du ihn nicht schlägst, nicht verletzt, nicht trittst!"[20] In diesem Zusammenhang wird die „Correctio" zum Zeichen eines transzendentalen Aktes.
Caritas
Auf diesem persönlichen und gemeinsamen Weg zu Gott soll das Leben der Brüder geprägt sein von dem Streben nach der „Perfecta caritatis". Im Rahmen des augustinischen Freundschaftsideals und seiner Konzeption von „Caritas" wird die Rolle der „Correctio" nicht eigens behandelt. Da das Ziel des Gemeinschaftslebens die Überwindung der Selbstsucht und das Bemühen zu lieben ist,[21] ist die Praxis der Liebe notwendigerweise mit der Verantwortung füreinander verbunden.
Dass ein Christ sich nie isoliert vor Gott verstehen kann, davon ist Augustinus zutiefst überzeigt. In einer Homilie verrät er, wie tief ihn die Sorge um das Heil der Mitchristen bewegt: „Was verlange ich, was wünsche ich, was ersehne ich? Nur mit dieser Absicht spreche ich: dass wir gemeinsam mit Christus leben mögen. Das ist mein Wunsch, meine Ehre, meine Freude, mein Reichtum...(...) Aber ich will das ewige Heil nicht erreichen ohne euch!" [22] Um den Weg der Liebe und des Heils gemeinsam zu gehen, ist es nötig, sich gegenseitig zu begleiten. Die Caritas ist das Motiv und der Hintergrund der Zurechtweisung, so stellt es Augustinus als Ideal in seiner Regel vor Augen.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Zumkeller, Adolar, Das Mönchtum des Hl. Augustinus, Würzburg ²1968, 331f.[2] Vgl. Bavel, Tarsicius Jan van, Augustinus von Hippo. Regel für die Gemeinschaft (Augustinus- heute Bd.6), Würzburg 1990, 13, Biblische und pastorale Intention, vgl. Zumkeller, 333.
[3] Vgl. Bavel, Augustinus, 13. Es gibt daneben eine eigene Regel für Frauenklöster, auf die hier nicht eingegangen wird.
[4] Vgl. Reg 1,2; Apg 4,32.
[5] Vgl. Bavel, Tarsicius Jan van, „And honour God in one another" (Rule of Augustine 1,8), in: Mayer, Cornelius (Hg.): Homo Spiritalis, Festgabe für Luc Verheijen zu seinem 70.Geburtstag, Würzburg 1987, S. 195-206, S. 195.Vgl. Starowieyski, Marek, Staozytne reguly zakonne, Warschau 1980, S. 93-102, Zumkeller, S. 165.
[6] „Habet Deum, qui mecum manere vult." Sermo 355,6 (PL 39,1573).
[7] Vgl. Zumkeller, 167.
[8] „Maiorem date operam concordandis uobis quam redarguendis, quia, sicut acetum corrumpit aus, si diutius ibi fuerit, sic ira corrumpit cor. Si inalium diem durauerit." Epist. 210 (CSEL 57,335).
[9] Vgl. Zumkeller, 173.
[10] Vgl. Zumkeller, 174, vgl. Bavel, Augustinus, 38.
[11] „God's indwelling or presence in us is a firm theological ground, on which Augustine bases his idea of honouring God (or Christ) in human beings." Bavel, Honour God, S. 202.
[12] Vgl. Reg 4,6.
[13] Vgl. Zumkeller, 173.
[14] "Huius enim templum simul omnes et singuli templa sumus, quia et omnium concordiam et singulos inhabitare dignatur." De civitate Dei X, 3 (CSEL 40,I,449).
[15] Vgl. Lafont, Ghislain, Fraternal Correction in the Augustine Community. A Confrontation between the Praeceptum, IV, 6-9 and Matthew 18, 15-17, in: Word and Spirit. A monastic Review 9 (1987), 87.
[16] Dazu ausführlich: Dideberg, Dany, Caritas Prolégomènes à une étude de la théologie augustienne de la charité, in: Zumkeller, Adolar (Hrsg.): Signum Pietatis. Festgabe für Cornelius C. Mayer zum 60. Geburtstag (Cassiacum Bd.15), Würzburg 1989, 369-382.
[17] Bavel, Tarsicius Jan van, Christ in der Welt - Augustinus zu Fragen unserer Zeit (Augustinus- heute Bd.1), Würzburg 1974, 103.
[18]"loquens de membris Christi, hoc est de fidelibus, non aint, sic et membra Christi; sed totum hoc quae dixit, Christum appelavit." Enn. in Ps. 30 2,2, (PL 36, II,232).
[19] Balthasar, Hans Urs von (Hg.), Augustinus. Das Antlitz der Kirche (Christliche Meister 41), Freiburg 1991, 103. „Videte enim, fratres, dilectionem ipsius capitis nostri. Iam in coelo est, et hic laborat, quamdiu hic laborat Ecclesia." Sermo 137,2 (PL 38,755).
[20] Biedermann, Hermengild M., Unteilbar ist die Liebe. Predigten des Hl. Augustinus über den ersten Johannesbrief (Augustinus- heute Bd. 5), Wüzburg 1986, S.170.„Iacet adhuc corpus meum. Qua iacet? Per totam terram. Cave ne percutias, cave ne violes, cave ne calces. [Novissima verba Christi sunt, ituri in coelum.]" In epist. Ioann. X, (PL 35,2062).
[21] Vgl. Bavel, Augustinus, 14.39.
[22] „Quid autem volo? quid desidero? quid cupio? Quare loquor? ... quare vivo? Nisi hac intentione, ut cum Christo simul vivamus? Cupiditas mea ista est, honor meus iste est, gloria mea ista est. Sed si non me audieritis, et tamen ego non tacuero, animam meam liberabo. Sed nolo salvus esse sine vobis." Sermo 17,2,2 (PL 38,125).
















