Von Stephan Baier
ROM, 28. Juli 2010 (ZENIT.org).- Es verdient schon Aufmerksamkeit und Anerkennung, dass ein Abt in dieser, auch in Österreich von Zynismus, permanenter Kirchen(selbst)kritik und Miesmacherei vergifteten Atmosphäre so frisch und fröhlich über seinen Glauben, über seine Liebe zur Kirche und seine Treue zum Papst sprechen kann.
Das neue Interview-Buch mit dem Abt des traditionsreichen und mittlerweile weltberühmten Zisterzienserklosters Heiligenkreuz, Gregor Henckel Donnersmarck, ist im wörtlichen Sinn unverschämt katholisch. Nicht verschämt, sondern mit Freimut bekennt sich da einer zur Tradition der Kirche im Allgemeinen und zu jener seiner Ordensgemeinschaft im Besonderen. Darüber hinaus gibt der wortgewaltige und doch demütig wirkende Abt kluge Denkanstöße zu den göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung und Liebe), zu den Kardinaltugenden (Tapferkeit, Klugheit, Maß und Gerechtigkeit), zu Liturgie, Mission und Hierarchie.
Mit großer Klarheit und zugleich nachdenklich spricht beziehungsweise schreibt Abt Gregor Henckel Donnersmarck in diesem Interview-Buch über seine eigenen Beweggründe, nach einer Karriere als Diplomkaufmann und Manager ins Kloster zu gehen, über die „Verantwortung dem gegenüber, dem wir uns verdanken", und darüber, wie es ist, „einen Standpunkt außerhalb der Welt zu haben". Optimistisch weist der Ordensmann, der spürbar mit sich, seiner Berufung und seiner Kirche im Reinen ist, darauf hin, dass der Glaube weltweit „in einer sehr positiven Entwicklung" sei, und dass die Glaubenskrise vor allem jene Länder betrifft, „die nach den Erkenntnissen der Demographie biologisch am Ende sind und wo die derzeit dort lebenden Menschen in wenigen Generationen ausgestorben sein werden".
Die manchmal etwas naiv formulierten Fragen der Interviewerin, der Wirtschaftsjournalistin Judith Grohmann, beantwortet der Abt stets direkt und geistreich. So sagt er etwa auf die Frage, wie die katholische Kirche zum Selbstmord stehe: „Negativ. Der Mensch darf das Leben, das er geschenkt bekommen hat, nicht wegwerfen." Und auf die Frage nach den Kirchenaustritten: „Ein Mensch, der zum größten Bedauern der Kirche sich von ihr abwendet, ist meistens jemand, der im Glauben ohnehin schon sehr weit weg ist." Es sei heute „fast ein Tabu, über den Glauben zu reden", meint Abt Gregor - und bricht dieses Tabu zweihundert Seiten lang auf hohem Niveau.
Obwohl Heiligenkreuz mit 80 Mönchen, einer Hochschule, einem Verlag und 18 betreuten Pfarreien durchaus einem Großbetrieb entspricht, lehnt es der Abt, der vor seiner Berufung Manager in Spanien war, ab, sich als Manager zu sehen. Seine Rolle als Abt will er gemäß der Regel des heiligen Benedikt anlegen, nämlich als „Vater, Lehrer, Erzieher, Seelsorger, Hirt, Arzt, Diener, Begleiter, Vorbild, Vorsteher, Richter, Verwalter und schließlich die restlose Überforderung: Stellvertreter Christi in der Gemeinschaft". Diese „logische Überforderung kann nur von der Demut irgendwie aufgefangen werden", resümiert Abt Gregor. Er bekennt sich zu der nicht nur in Abteien richtigen pädagogischen Maxime: „Nichts ist schlimmer als ein unberechtigter Tadel. Und nichts ist wirkungsvoller als ein berechtigtes Lob."
Die sogenannten heißen Eisen packt Abt Gregor furchtlos an, relativiert aber auch ihre Tragweite. So verteidigt er den priesterlichen Zölibat, um dann hinzuzufügen: „Der Zölibat ist doch nicht die zentrale Frage! Wie die Welt erschaffen wurde und durch Christus erlöst worden ist, das sind die wichtigen Fragen."
Während viele andere beim Thema Homosexualität vorsichtig schweigen und wegsehen, stellt der Abt des boomenden Zisterzienserklosters Heiligenkreuz klar: „Es darf im Kloster unter keinen Umständen um die Praxis gleichgeschlechtlicher Beziehungen gehen. Ich weiß, dass diese Verwirklichung das Kloster von innen heraus zerstören würde." Er selbst frage deshalb jeden Kandidaten, „ob er eine homosexuelle Veranlagung in sich spürt", und könne nur jene aufnehmen, „die diese Frage verneinen, und sage ihnen auch, dass, wenn diese Antwort sich nachträglich als falsch herausstellen sollte, alles ungültig ist, weil es auf falschen Voraussetzungen aufgebaut war".
Seine etwas keck klingende Devise „Right or wrong - my Pope" erläutert Abt Gregor so: „Ich bin römisch-katholischer Christ, ich vertraue auf das Amt des Nachfolgers Petri und ich bin bisher nie enttäuscht worden." Er verteidigt die Päpste: grundsätzlich zwar, aber zugleich mit starken Argumenten. Kritik an der Kirche, so bemerkt Gregor Henckel Donnersmarck, sei heute gar nicht so tapfer, weil sie „im Fluss des Zeitgeistes sehr behaglich getragen und von den Medien begeistert unterstützt wird". Er plädiert stattdessen dafür, „tapfer zur Lehre der Kirche zu stehen, sie gegen den Zeitgeist zu verteidigen und sich von der Übermacht der Kirchenkritik nicht entmutigen zu lassen". Nein, er plädiert nicht nur dafür, sondern praktiziert eben dies selbst, mit offenem Visier und ohne Menschenfurcht, dafür mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Von all dem legt sein kluges und bereicherndes neues Buch auf eine pfiffige Art Zeugnis ab.
[© Die Tagespost vom 27.7.2010 - Abt Gregor Henckel Donnersmarck: „ora@labora. Über Gott und die Welt und das Paradies auf Erden", Residenz Verlag, St. Pölten-Salzburg 2010, 224 Seiten, ISBN 978-3-7017-3161-9, Euro 21,90]
















