RIGA, 29. Juli 2010 (ZENIT.org).- Am 19. Juni ernannte Papst Benedikt XVI. Zbigņevs Stankevičs (55) zum neuen katholischen Erzbischof von Riga. Am 8. August wird er im evangelischen Dom der lettischen Hauptstadt feierlich zum Bischof geweiht.
Zbigņevs Stankevičs tritt damit die Nachfolge von Erzbischof Kardinal Jānis Pujats an, der altersbedingt aus dem Amt scheidet. Er übernimmt mit Riga ein Erzbistum, indem mit 16 Prozent der Gesamtbevölkerung die Katholiken in einer Minderheitensituation, in der Diaspora, leben.
Bis zu seiner Ernennung zum Erzbischof von Riga am 19. Juni 2010 wirkte er als Spiritual des Rigaer Priesterseminars und als Direktor des Institutes für Höhere Religionswissenschaft, das der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom angehört.
Zbigņevs Stankevičs spricht neben Lettisch, Polnisch und Russisch auch perfekt Italienisch und Englisch sowie gut Deutsch und Französisch. Der begeisterte Bergsteiger, der auch Reisen und Kunstgeschichte zu seinen Hobbies zählt, ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge und Publikationen sowie „Promoter" der katholischen Kirche Lettlands in Medien und bei Seminaren, Konferenzen sowie diversen Veranstaltungen.
Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt mit seiner solidarischen Hilfe die Gläubigen vor Ort. Mit dem designierten dynamischen Oberhirten sprach Judith Lewonig für das Bonifatiuswerk.
Nach ihrem Studium am Polytechnischen Institut Riga und Berufsleben 1990, mit 35 Jahren, Eintritt ins Priesterseminar, 1996 Magister der Theologie im polnischen Lublin und Priesterweihe in Riga, 2008 Doktor der Theologie an der Päpstlichen Lateran-Universität Rom, 2010 Erzbischof von Riga. Salopp formuliert eine optimierte Kirchen-Karriere...--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs: (lacht herzlich) Meine Ernennung, für mich Gottes Auftrag, hat mich völlig überrascht. Nach Abschluss meines Studiums 1978 als Ingenieur für automatisierte Kontrollsysteme - meine Lieblingsdisziplin war stets die Optimierung von komplizierten Systemen -, war ich vier Jahre in einer Reparaturwerkstatt für Ozeanschiffe und acht Jahre bei der damaligen Staatsbank tätig. Mit 34 habe ich mich gefragt: Ist das alles? Interessante Tätigkeit, aber mein Herz blieb stumm. Neben meiner Arbeit war ich zehn Jahre lang, von 1980 bis 1990, Mitglied einer in der Sowjetzeit illegalen Gemeinschaft ökumenischer Christen, und habe mit ganzem Herzen und viel Energie einen Weg gesucht, wie ich Menschen im Untergrund evangelisieren kann. Großer Einsatz, doch wenig Resultate. Ich wollte mehr.
Und wie entdeckten Sie Ihre Berufung?
--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs: Ein Jahr lang habe ich überlegt, gebetet, diskutiert. Eine orthodoxe Christin gab mir schließlich den Anstoß, mich meinem spirituellen Vater anzuvertrauen - nach einem Drei-Minuten-Gespräch mit ihm war plötzlich alles klar für mich. Das war am 8. August 1990. Und am 8. August 2010 ist nun meine Bischofsweihe. Nicht einmal zwei Monate später befand ich mich am Priesterseminar der Katholischen Universität Lublin. Am 16. Juni 1996 wurde ich in Riga zum Priester geweiht. Und am 16. Juni 2010 hat mir Nuntius Luigi Bonazzi das päpstliche Ernennungsschreiben überreicht. Gott ist ein guter Regisseur.
Warum haben Sie damals im polnischen Lublin studiert und nicht in Riga?
--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs: Ich wollte eine Ausbildung auf Universitätsniveau, die in Riga damals nach fast 50 Jahre Sowjetokkupation nicht möglich gewesen ist, auch wenn das Priesterseminar nicht geschlossen worden war. Darüber hinaus war die Glaubenssituation in Polen, anders als in Lettland, von vielen Initiativen geprägt, die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils lagen übersetzt vor und waren schon ins Alltagsleben übernommen. Das alles wollte ich spüren. In Lettland besteht bis heute ein erheblicher Mangel an religiöser Literatur in lettischer Sprache.
Wollen Sie als Erzbischof diesem Mangel Abhilfe schaffen?
--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs: Möglichkeiten zu schaffen, grundlegende Literatur zu übersetzen und zu drucken, sehe ich als eine meiner wichtigen langfristigen Aufgaben an. Es gibt zwar viel leichte spirituelle Kost in lettischer Sprache, sozusagen Süßes. Wir brauchen aber dringend Literatur der Sorte Schwarzbrot: Materialien zum Zweiten Vatikanischen Konzil, zur kirchlichen Soziallehre, ein Brevier für Priester und Laien, Literatur für das Priesterseminar und für das Religionswissenschaftliche Institut. Für die Gläubigen hoffe ich, dass das Bonifatiuswerk uns dabei unterstützen kann.
Wo liegen Ihre weiteren langfristigen Planungen?
--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs:Kardinal Pujats hat dank der beeindruckenden Unterstützung durch das Bonifatiuswerk mit mehr als 20 neu errichteten und wieder instand gesetzten Kirchengebäuden im Erzbistum Riga ein hervorragendes Fundament gelegt. Nun müssen wir diese Gebäude weiter mit Leben füllen. So hat für mich Herzensbildung in Einklang mit Geistesbildung und Evangelisation durch Dialog Priorität. Zudem möchte ich den Neubau des Religionswissenschaftlichen Instituts vorantreiben, das momentan im Kurienhaus untergebracht ist und unter eklatanter Raumnot leidet. Für mich persönlich nehme ich mir vor, in meinem Herzen frei zu bleiben für die Beziehung zum Herrn.
Was ist Ihre spirituelle Strategie im künftigen Bischofsamt?
Stankevičs: Die Gegenwart ist heute überall gekennzeichnet von überbordender Negativität. Aber ich bin überzeugt, dass die Menschen hier über viel positives, jedoch blockiertes, Potential verfügen. Das möchte ich freisetzen und zum Wachsen bringen. Auf allen Ebenen. Ich plane, noch vor den Parlamentswahlen am 2. Oktober mit einem Offenen Brief an die Menschen zu appellieren, Positives von Negativem zu trennen - nicht im Sinne von Kirchenpolitik, sondern nach kirchlichem Soziallehre-Prinzip. Eine spirituelle Erneuerung ist in ganz Lettland erstrebenswert.
Wo sehen Sie besondere Herausforderungen in Ihrer Diözese?
--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs:Bei uns gibt es einen starken Individualismus. Wir brauchen eine Revolution zum Teamwork. Zudem ist eine Dezentralisierung in unserer Kirche notwendig. Kirche ist ein Organismus, der mystische Körper Christi. Ein Bischof kann nicht alles tragen und nicht alles kontrollieren. Aber es fehlt an Priestern. Die mehr als 30 verschiedenen Bewegungen und Gruppen in unserer Diözese brauchen geistliche Begleitung. Noch vor acht Jahren studierten 47 Seminaristen aus allen Diözesen, in diesem Jahr sind es nur 23. Wir müssen aktiv Berufungen wecken.
Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie aufgrund der Diasporasituation?
--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs:Nicht nur in wirtschaftlichen Krisenzeiten kann sich die kleine Diaspora-Kirche kaum selbst finanzieren und ist auf Spenden und im Besonderen auch auf die Solidarität der deutschen Katholiken angewiesen. So müssen wir beispielsweise immer wieder um das finanzielle Überleben des Katholischen Gymnasiums in Riga kämpfen.
Welche Rolle spielen heute die Diaspora-Katholiken im weltlichen Riga?
--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs:Zwei Beispiele für den gewachsenen gesellschaftlichen Stellenwert unserer Diaspora-Kirche: Das lettische öffentlich-rechtliche Fernsehen bringt eine dreistündige Direktübertragung der Bischofsweihe. Und im Mai dieses Jahres wurde ich erstmals als Direktor des Rigaer Institutes für Höhere Religionswissenschaft, das zur Päpstlichen Lateran-Universität in Rom gehört, zur lettischen Rektorenkonferenz eingeladen, wenn auch ohne Stimmrecht, da das Institut nicht unabhängig ist. Aber allein dieses Dabeisein ebnet den Weg zur Elite, die zumeist der Kirche fernbleibt.
Wie ist das Verhältnis zu anderen Konfessionen?
Stankevičs: Wir pflegen mit allen ein gutes Verhältnis. Bereits Tradition hat der ökumenische Karfreitags-Kreuzweg von Katholiken, Lutheranern und Baptisten in der Rigaer Altstadt. Mit Jānis Vanags, seit 1993 Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands, verbindet mich eine persönliche Freundschaft schon seit meiner Zeit als Ingenieur. Heute arbeiten wir eng zusammen für eine Einheit von Lutheranern und Katholiken. Vielleicht kann Lettland das erste Land werden, wo sich Katholiken und Lutheraner vereinen. Es gab diesbezüglich auch Gespräche mit dem Vatikan. Natürlich braucht das Zeit. Aktuell zeigt sich das exzellente Einvernehmen durch meine Bischofsweihe am 8. August im Dom von Riga, der erzbischöflichen Kathedrale der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands. Das ist unser Geschenk für christliche Welt: Integration und aktives Miteinander.
Haben Sie persönliche Verbindungen nach Deutschland?
--Erzbischof Zbigņevs Stankevičs: Über den deutschen Theologen und Religionsphilosophen Bernhard Welte schrieb ich meine Doktorarbeit. Und in den Semesterferien während meines Studiums in Rom half ich insgesamt vier Mal als Urlaubsvertretung in Deutschland aus: in Maxhütte-Haidhof in der Oberpfalz und in Duderstadt in Niedersachen. Ich bete für eine fruchtbare Kooperation und die Solidarität mit den deutschen Katholiken und versuche mit deutscher Präzision zu arbeiten.-
















