ZG10073003 - 30.07.2010
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Der Nahe Osten blutet aus


Im Gespräch mit Heiligkeit Nerses Bedros XIX. (70), dem amtierenden Patriarch des armenisch-katholischen Patriarchats von Kilikien


ROM, 30. Juli 2010 (ZENIT.org).- Es ist das erste Mal, das ein Papst die Bischöfe aus dem Nahen Osten zu einer Sondersynode eingeladen hat. Vom 10. bis 24. Oktober dieses Jahres wird sie in Rom stattfinden. Während Leid und Armut, praktisch keine beruflichen Perspektiven, die Unsicherheit über die Zukunft, ein progressiver Verlust der christlichen Identität aufgrund einer wachsenden Säkularisierung starke Herausforderungen für die Katholiken im Nahen Osten darstellen, laufen die Vorbereitungen der Synode auf Hochtouren.

Das Generalsekretariat der Synode versandte im Januar die sog. „Lineamenta" (vorbereitendes Dokument) an alle betreffenden Diözesen, die von den Mitgliedern des präsynodalen Rates (acht Patriarchen, vier Mitglieder der römischen Kurie sowie den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen in der Türkei und Iran) zusammengestellt wurde und die Themen für das bischöfliche Gipfeltreffen liefert, dem Papst Benedikt XVI. vorstehen wird. In Zypern wurde im Juni das endgültige Themenpaket offiziell übergeben.

Die Themen drehen sich rund um das Motto „Die katholische Kirche im Nahen Osten: Gemeinschaft und Zeugnis", abgeleitet von der Bibelstelle „die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele" (Apg 4, 32). Sie haben aber eine besondere Brisanz, denn „der Nahe Osten blutet aus".

Mario Ponzi sprach für die italienische Tagesausgabe des Osservatore Romano mit seiner Heiligkeit Nerses Bedros XIX. (70), dem amtierenden Patriarch des armenisch-katholischen Patriarchats von Kilikien.

Papst Johannes Paul I. ernannte den in Kairo geborenen Nersos Bedros zum Bischof von Alexandrien der armenisch-katholischen Kirche. Am 7. Oktober 1999 wurde er zum Patriarchen von Kilikien gewählt und am 24. Oktober 1999 als Nerses Bedros XIX. inthronisiert. Papst Johannes Paul II. von Rom bestätigte ihm die kirchliche Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche am 13. Dezember 1999.

Angesichts der Synode, die in zwei Monaten beginnt, hofft der Patriarchat von Kilikien, „der ernsten Lage durch die Botschaft des Evangeliums eine neue Frische zu geben. Wir müssen unserem Volk die Freude und den Stolz, Christen zu sein, weitergeben, damit sie sich für das reibungslose Leben als Familie verantwortlich fühlen können, für ihr Arbeitsumfeld, in dem wir aufgerufen sind, unser Zeugnis zugeben".

Für Nersos Bedros geht es um die Mitgestaltung einer „Politik der Gerechtigkeit", um als „Licht, Salz und Ferment der Gesellschaft, in der wir leben und gerufen sind Zeugen zu sein, .... wieder den Horizont zu sehen: Frieden auf Erden können wir schaffen; das wird dazu beitragen, dass unsere Völker in einem Klima größerer Sicherheit leben können und politische Spannungen abbauen. Als Hirten hoffen wir vor allem, dass Katholiken ihre Identität als Kinder Gottes in Christus immer mehr zu schätzen wissen".

Für seine Heiligkeit Nerses Bedros XIX reicht es nicht, „dass sich Christen im Nahen Osten in vielen Fällen zuerst als Mitglieder einer ganz bestimmten Konfession oder einem bestimmten Ritus fühlen. Wenn sie spüren könnten, dass alle Christen freundschaftlich miteinander auskommen könnten und Katholiken, Orthodoxe und Evangelische miteinander arbeiten würden, um ein Zeugnis der Einheit zu geben und um wahre Zeugen des Evangeliums zu sein, wäre das wirklich eine Gnade Gottes. Denn die Spaltung unter den Christen ist ein Hindernis für die Gläubigen und für die Glaubwürdigkeit des Evangelium und zudem ein Skandal für alle Nicht-Christen. Die getrennten Christen verlieren ihre Glaubwürdigkeit als Jünger Christi, der Liebe und Einheit gepredigt hat. Aber es ist auch wichtig, dass Katholiken nicht nur ihre Identität als Kirche in Gemeinschaft mit der universalen Kirche, der Kirche von Rom leben, sondern auch mit anderen Schwesterkirchen des Nahen Ostens. Dies ist unerlässlich, um konkrete Antworten auf die vielen vor uns liegenden Herausforderungen zu geben".

Unter den vielfältigen Herausforderungen ist für den Patriarchen „vor allem die Armut" ein starker Anruf. Wir stehen vor einem „sozialen Drama", warnt er. „Die Situation wird immer unhaltbarer. Stetig steigende Zahl von Menschen, die gezwungen sind, in prekären Verhältnissen zu leben, weil ihnen das Wesentliche fehlt. Darüber hinaus ist eine tief greifende Veränderung in der nahöstlichen Gesellschaft zu beobachten: Es gibt keine Mittelschicht, entweder bist du reich oder arm.

Heute jedoch nimmt auch die Zahl der Reichen ab. Die wenigen, die es gibt, ziehen es vor, ihre Ressourcen im Ausland zu investieren. Die meisten Bedürftigen leben unter extrem schlechten Bedingungen, die oft dramatisch sind. Sie finden nicht die nötigen Mittel, um die Miete für ein Wohnhaus zu zahlen; Ausgaben für medizinische Versorgung können sie sich nicht leisten. Es fehlen Arbeitsplätze. Die wenigen Familien, die bis jetzt wenigstens das Glück hatte, dass ihr Vater arbeiten konnte, zittern unter der Ankündigung von Entlassungen, die wegen der ständig zunehmenden Krise in diesen Ländern ständig zunehmen. So ist es dann für den Sohn oder die Tochter angesagt, zu versuchen zu arbeiten, um das Überleben der Familie zu gewährleisten. So opfern sie oft ihren möglichen Schulbesuch auf. Hinzu kommt in dieser dramatischen Situation das Problem der mangelnden Sicherheit. Eigentlich ist es ein weit verbreitetes Problem im gesamten Nahen Osten, das ein Gebiet von anhaltenden Kämpfen ist. Der Libanon hat es nie geschafft, während mindestens fünf aufeinander folgenden Jahren in Frieden zu leben. Das sind zwei der Hauptgründe, die Christen zwingen, zusammen mit ihren Familien auswandern.

Für den Kirchenführer ist das ein Anruf, „ihnen vor allem Hoffnung zu schenken. Das ist aber nicht leicht. Vielmehr haben wir gesehen, dass die Stimmung schnell abflaut und die Begeisterung im Herzen zur Trauer wird. Wenige setzen derzeit ihr Vertrauen in die Zukunft. Und es ist schwer, sie irgendwie davon zu überzeugen, zu versuchen, anständig zu leben, oder einfach nur versuchen zu überleben und die konkrete Rolle, was das christliche Zeugnis in ihrem eigenen Land angeht, zu spielen und dass sie daher nicht auswandern sollten. Deshalb versuchen wir, unter ihnen einen Geist der Solidarität zu schaffen. Natürlich muss ich zu bedenken geben, dass Menschen, die mehr Glück hatten und grundsätzlich als reich oder wohlhabend gelten können, sich nicht immer unbedingt als Christen verhalten.

Für den Patriarchen fehlen eine christliche Vision des Lebens. Das Klima einer einseitigen Säkularisierung zehrt die Gesellschaft aus. „Abtreibung wird praktisch überall praktiziert. Viele Paare nutzen sie, nur weil sie im Kind ein Hindernis sehen, ihr gesellschaftliches Leben bequemer und freier zu gestalten. Das schränkt nicht nur die Zahl der Geburten ein, sondern diese Haltung hat auf lange Sicht, eine starke Auswirkungen auf das Leben der Kirche. Es ist kein Zufall, dass wir vor einer schweren Krise der Priesterberufungen stehen, deren Höhepunkt noch aussteht".

Was ihn an Papst Benedikt XVI. am meisten beeindruckt, „ist die ständige Wiederholung einer Botschaft des Friedens für alle, eine Botschaft der Eintracht und Vergebung. Er hat ein Wort des Trostes im Glauben für die Katholiken. Er schaffte es, die Beziehungen mit der griechisch-orthodoxen Kirche zu stärken, trotz aller Versuche, diesen Besuch zu verhindern. Ich halte das für ein gutes Omen. Dazu kommt die kurze Begegnung des Papstes mit einem muslimischen religiösen Führer, der ein großer Sufi ist. Es war ein sehr bedeutungsvolles Gespräch, das zwar improvisiert und nicht programmiert war, aber den Sufis galt. Für unsere Kirchen, war das ganze eine Einladung, durch den Besuch an der Einheit zwischen uns zu bauen und auch mit den anderen".

[Aus dem Italienischen übertragen von Angela Reddemann]

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