ZG10090306 - 03.09.2010
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Mehr als nur „Arbeiterpapst"


Papst Benedikt XVI. gedenkt Papst Leo XIII.


Von Michaela Koller

ROM, 3. September 2010 (ZENIT.org).- Am Sonntag reist Papst Benedikt XVI. in die italienischen Kleinstadt Carpineto, um des 200. Geburtstags von Papst Leo XIII. zu gedenken. Es ist der dritte Besuch eines zeitgenössischen Papstes am Geburtsort des im Jahr 1903 Verstorbenen. Papst Paul VI. kam am 11. September 1966 zum Abschluss des 75. Jahrestages der Veröffentlichung der Enzyklika "Rerum novarum" in die Heimatstadt des Verfassers dieser Enzyklika. Und auch Johannes Paul II. reiste am 1. September 1991 an diesen Ort, um an das berühmte Rundschreiben zu erinnern, diesmal im Rahmen der Hundertjahrfeier ihrer Veröffentlichung. Mit dem Gedenken an den Geburtstag, der bereits auf den 2. März fiel, weitet sich nun aber der Blick auf das Gesamtvermächtnis des als „Arbeiterpapst" in die Geschichte eingegangenen Vincenzo Gioacchino Raffaele Luigi Pecci.

Bevor er zum Papst gewählt wurde und den Namen Leo XIII. annahm, war er Zeuge der Auflösung des Kirchenstaates und dessen Verlusts weltlicher Macht geworden. Als Bischof von Perugia hatte er sich am 12. Februar 1860 in dem Hirtenbrief „Von der weltlichen Macht des Heiligen Stuhls" heftig gegen die Entwicklung gestellt. Der Kirchenstaat sei „eine unerlässliche Einrichtung der göttlichen Vorsicht, um die freie Ausübung der kirchlichen Autorität zu sichern."

Aber es kam anders, als von ihm gewünscht, denn ab dem 17. März 1861 lag sein Bischofssitz im Königreich Italien, nachdem sich Umbrien für König Vittorio Emanuele erklärt hatte. Das Verhältnis zu Italien sollte fortan schwierig bleiben, auch unter seinem Pontifikat. Aber - nicht zuletzt aufgrund einer reichen Vielfalt von Enzykliken - schaffte es das katholische Oberhaupt der Jahrhundertwende, nach dem weltlichen Machtverlust die moralische Autorität der Kirche auf einen Höhepunkt zu bringen, und dies nicht nur dem zeitgenössischen Urteil zufolge. Allein sein staatsphilosophisches Gesamtwerk wirkt nicht nur in kirchlichen Schlüsseldokumenten weiter fort, sondern findet selbstverständlich auch aktuell praktische Verwirklichung, ganz konkret etwa, wenn der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls vor den Vereinten Nationen eine ganzheitliche Entwicklung einfordert.

Jedoch käme es einer Verkürzung der Lehre Leos gleich, ihn auf das Soziale zu reduzieren. Und in der Weite seines Denkens liegt wohl auch das Geheimnis der Daueraktualität seiner Schriften und seines Wirkens. Der Dominikaner Arthur-Fridolin Utz erklärte dies einmal so: „Er bietet eine Prinzipienlehre des Naturrechts, die in der konkreten Gestaltung des politischen Lebens unwandelbare Norm bleibt und die durch das kirchliche Lehramt und die wirksamen Impulse von Seiten der diesem Lehramt unterworfenen Gläubigen konkrete Gestalt gewinnt." Schon als junger Mann hatte sich Pecci für Thomas von Aquin begeistert, und später als Papst lag ihm sehr an der Wiederherstellung der Philosophie und Theologie in dessen Geiste.

In seiner Enzyklika „Aeterni Patris" vom 4. August 1879 empfahl er die Lehre und Methode des Aquinaten bei den Studien zugrunde zu legen. Mit der Gründung entsprechender Einrichtungen setzt er das Geschriebene auch praktisch um. Selbstredend ist auch Leos eigene Naturrechts- und Staatslehre thomistisch geprägt. Obwohl Leo XIII. damit seine Staatslehre auf solider philosophischer Grundlage aufbaute, fand und findet sein Werk in staatsphilosophischen Seminaren keine vernehmbare Beachtung. Dabei ist das vorliegende Opus doch umfassend.

Hier seien nur einige Beispiele genannt: Vom Ursprung der Staatsgewalt, Diuturnum illud, vom 29. Juni 1881, über die christliche Staatsordnung, Immortale Dei, vom 1. November 1885, über die menschliche Freheit, Libertas praestantissimum, vom 20. Juni 1888, über die Übel der gegenwärtigen Zeit, Inscrutabili Dei, vom 21. April 1878, über die wichtigsten Pflichten christlicher Bürger, Sapientiae christianae, vom 10. Januar 1890, über die christliche Demokratie, Graves de communi, vom 18. Januar 1901. Er behandelte darin nicht nur die Grundlagen und den Ursprung des Staates, sondern auch das Wesen und dessen inneren Aufbau, wie auch die Frage der Staatsgewalt und der Staatsformen, den Zweck und die Aufgabe des Staates, das Verhältnis von Staat und Kirche und Fragen der Völkergemeinschaft.

Zu einem ganzheitlichen Denken auf naturrechtlicher Grundlage kam eine wahrhaft globale Präsenz seiner Aktivitäten hinzu. Das diplomatische Geschick Leos XIII., das ihm zu sehr viel Erfolg verhalf, verstärkte deren Wirkung: Etwa durch die Anerkennung der Republik in Brasilien, die die Lage der Kirche dort verbesserte. Oder die Stärkung der orientalischen Christen, etwa durch die Gründung eines armenischen Kollegs oder die Einrichtung von Kollegien für Syrer und Chaldäer in Mossul. Die gleichzeitige Förderung der Wissenschaften ist nur ein weiterer, erwähnenswerter Aspekt dieses weitsichtigen Papstes, mit dem das 20. Jahrhundert begann.

Seine Aufforderung an die Protestanten Englands zur Einheit hatten diesen sogar immerhin ein äußerst respektvolles „Nein, Danke" entlockt, zumindest in der veröffentlichten Meinung, schrieb doch die Londoner „Morning Post" 1895: „Die Gestalt dieses Papstes, der an die Einheit der Christenheit denkt, um die soziale Ordnung gegen die Gesamtheit der Feinde zu verteidigen, muss dem englischen Volke sowie allen christlichen Völkern, ob katholisch oder nicht, staunenswert und edel erscheinen .... Dieses Ideal, das vom Vatikan aus der Welt vorleuchtet, verleiht dem Papsttum eine Macht, wie sie ihm weder ein großes Königreich noch eine große Anzahl Untertanen geben könnten."

[Leo XIII. war das erste Papst in der Geschichte, von dem es Filmaufnahmen gibt http://www.youtube.com/watch?v=8FoBVuXMSNI (von 1896) und dessen Stimme im Februar 1903 aufgenommen wurde http://www.youtube.com/watch?v=o9Pv-UuGUDM.]

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